Auftraggeber am Pranger nach der Tragödie in Bangladesch

PARIS, 30. April 2013 (AFP) – Die Textilunternehmen, die ihre Produkte in Bangladesch herstellen lassen, stehen seit Dienstag unter Druck. Sie sind mit den ersten Schmerzensgeldern für die Opfer der Tragödie in Bangladesch und zahlreichen Aufrufen zu mehr Transparenz in der Versorgungskette der Textilbranche konfrontiert.

Seit dem Einsturz eines Fabrikgebäudes in der Nähe der Hauptstadt Dakha ist noch keine Woche vergangen, doch zwei Unternehmen, deren Produkte in den zerstörten Ateliers hergestellt wurden, haben sich bereits bereit erklärt, die betroffenen Familien zu entschädigen.

Primark kündigte als erstes Unternehmen an, die Familien der Opfer entschädigen zu wollen


Den Auftakt machte die britische Marke Primark vergangenen Montag, ohne jedoch den Umfang der finanziellen Hilfe zu beziffern. Die kanadische Supermarktkette Loblaw, die für ihr Billiglabel Joe Fresh Kleidungsstücke in Bangladesch produzieren lässt, folgte dem Aufruf und versprach eine „bedeutende“ Hilfe.

Die NGO Oxfam begrüßt diese Geste und ruft „die anderen Unternehmen, die Ateliers im eingestürzten Gebäude hatten, dazu auf, diesem Beispiel zu folgen“, und in Zukunft auf „die Anliegen und Bedenken der Arbeitnehmer“ zu achten. Zudem sollen die Sicherheitsvorschriften in den Ateliers eingehalten werden.

„Das ist das Mindeste, was man erwarten kann“, erzürnt sich Gareth Jones, der in London arbeitet. In der englischen Hauptstadt wurde am Samstag vor dem neuen Primark-Store demonstriert. Die Demonstraten trugen Schilder mit Slogans wie „Love Fashion, Hate Sweatshops“ und „Shame on Primark“.

Bis jetzt haben nur Primark und Loblaw offiziell bestätigt, mit den Ateliers im Gebäude Rana Plaza zu arbeiten. Beim Einsturz des ohne offizielle Genehmigung ausgebauten Gebäudes kamen 387 Menschen ums Leben.

„Wenn die Unternehmen ihr Schweigen nicht brechen, riskieren sie, der Tragödie gegenüber gleichgültig zu erscheinen. Es ist also wichtig, dass sie sich dazu bekennen, um die Situation zu klären“, kommentierte Benjamin Martin von Publicis Consultant für die AFP.

„Sie können nicht mehr vorgeben, überrascht zu sein“, zumal im November 2012 bereits ein anderer Vorfall Schlagzeilen machte: In einer Textilfirma bei Dakha, die unter anderem die amerikanische Kette Walmart belieferte, kamen 111 Menschen in einer Brandkatastrophe um.

Die Verantwortung von Gebäudeinhaber Sohel Rana ist unbestritten, er wurde der fahrlässigen Tötung angeklagt. Die Tragödie könnte jedoch auch die westlichen Detailhändler in Mitleidenschaft ziehen.

„Einzig Unternehmen, die ihre Versorgungskette gut organisiert haben, werden unbehelligt durch diese Tragödie kommen, da sie beweisen können, dass sie keine versteckten Zulieferer haben“, gibt sich Benjamin Martin überzeugt.

Für Julie Stoll, Generaldelegierte der Fair Trade-Organisation Plateforme pour le commerce équitable, „hat die Branche eindeutig ein Problem in Sachen Transparenz und Rückverfolgbarkeit“. Dies angesichts der Tatsache, dass die betroffenen Unternehmen nur mit Schwierigkeit sagen können, ob auch ihre Lieferanten von der Tragödie betroffen sind, oder nicht.

„Vor zehn Jahren wären die Auswirkungen noch bescheiden gewesen, doch heute hinterlässt die Tragödie Spuren auf den sozialen Netzwerken“, erklärt Martin.
Die spanische Modekette Mango wählte auch bewusst das Medium Facebook, um den betroffenen Familien ihr Beileid auszusprechen. Sie stellte klar, dass sie kein Kunde von Phantom ist. Das Unternehmen war Miteigentümer eines der zerstörten Ateliers. Mango bestätigte lediglich, Muster bestellt zu haben, „die Produktion der betroffenen Artikel hat jedoch noch nicht begonnen.“

Das italienische Label Benetton ließ seinerseits verlauten, nur „eine Bestellung bei einem der betroffenen Herstellern aufgegeben zu haben. Diese wurde mehrere Wochen vor dem Vorfall ausgeführt und geliefert“. Zudem habe das Unternehmen „den Zulieferer seither von der Lieferantenliste gestrichen“. Benetton rief zudem dazu auf, „regelmäßig“ soziale Audits durchzuführen.

Zusätzlich zu diesen Audits und der Einführung eines Mindestlohns für alle Zwischenhändler werden auch Rufe nach einem „Umwelt- und Sozialanzeigensystem“ laut, damit sich die Konsumenten stärker betroffen fühlen.
Denn bisher sind die Praktiken der Textilbranche „noch keine Priorität für die europäischen Verbraucher“, wie ein großer europäischer Verbraucherverband eingesteht.

Von Anne PADIEU

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