Fashion Tech Lab: Die Einweihung mit großem Trara in Paris

Auch wenn dank der verspiegelten Wände eine Illusion der Weitläufigkeit entstand, erwies sich die Empfangshalle des Google Arts & Culture Lab (Paris, 9. Arrondissement) schnell als zu eng für die Umarmungen zwischen Designern und Führern der Branche, die zahlreich wegen der Einführung des Fashion Tech Labs herbeigeströmt waren. Im Google Hauptsitz trafen sich am 2. Oktober u.a. François-Henri Pinault und Diane von Fürstenberg, aber auch Delphine und Antoine Arnault, Azzedine Alaïa, Guram Gvasalia, Alber Elbaz, Jonathan Saunders, José Neves und Haider Ackermann.

Am Vorabend des letzten Tages der Pariser Modewoche fand dann diese Veranstaltung statt, um die Entwickler alternativer und nachhaltiger Technologien für die Modeindustrie finanziell zu unterstützen.

Miroslava Duma, François-Henri Pinault und Stella McCartney beim Launch des Fashion Tech Lab, am 2. Oktober in Paris - Mathieu Guinebault

Sieben Vitrinen präsentierten alternative Technologien und Prozesse, anwendbar für die Modebranche: angefangen bei den "Bionischen Garnen", die durch die Sammlung von Ozean-verschmutzenden Kunststoffen entstehen, weiter zum Recycling-Prozess "Worn Again", der die Trennung von Baumwolle und Polymeren unter Verwendung der "Osomtex"-Technik ermöglicht, bis hin zur Umwandlung von gebrauchten Geweben in einheitliche Garne. Aber auch die "Bolt Threads", die im großen Maßstab hauchzarte Seide nachbilden und die Apparatur für eine Anti-Geruchs-Behandlung auf Grundlage von mit Minze behandelten "Mint Materials".

Die beiden erstaunlichsten Technologien waren ohne Zweifel "Diamond Fondry", womit man in der Lage ist, echte Rohdiamanten mit Hilfe eines Plasmareaktors zu produzieren, und "Vibrolabs", was die Lederherstellung im Labor auf der Grundlage von Kuh-, Krokodil- und Vogelstrauß-DNS ermöglicht.
Um die Gäste der Veranstaltung zu begrüßen, gab es eine begeisterte Stella McCartney, die vor kurzem dem FTL Vorstand beigetreten war und die der Projektträgerin Miroslava Duma (Buro 24/7, The Tot, Reformation, RewardStyle ...) Beistand leistete. Für letztere war eine Versammlung von solch einem Renommé wesentlich.

"Alle sollten ihre Kräfte bündeln, damit diese Bewegung reibungsloser und schneller voranschreitet", erklärte sie gegenüber FashionNetwork.com. "Denn das wird geschehen, mit oder ohne uns. Die Frage für die Fachleute ist, zu wissen, ob sie dabei sind oder nicht. (...) In fast allen Ländern gibt es Menschen, die neue Prozesse erfinden. Und FTL investiert nicht nur in neue Technologien. Wir bringen sie auch in die Industrie."

So hat FTL maßgeblich in Orange Fiber investiert, ein Unternehmen, das, wie der Name es schon indiziert, Orangenschalen-basierte Stoffe anbietet. Eine Technik, die bereits im Frühjahr die Produktion einer Capsule-Kollektion mit Salvatore Ferragamo ermöglichte.

"Das ist der Sinn der ganzen Sache!"
"Es ist klar, dass einige der Materialien, die wir heute verwenden, verschwinden oder verboten werden können: Unsere Verantwortung ist es, intelligente Alternativen zu finden", erklärte François-Henri Pinault, CEO beim Riesenunternehmen Kering, gegenüber FashionNetwork.com. "Dies ist besonders die Rolle großer Gruppen. Dies steht im Einklang mit der Arbeit, die in den letzten Jahren bezüglich neuer Materialien durchgeführt wurde. Wir arbeiten sogar mit einigen Firmen zusammen, die hier präsentiert werden."

FTL

"Das ist die Zukunft", rief Antoine Arnault, Direktor der LVMH-Gruppe und General Manager von Berluti, ein paar Minuten später begeistert aus. "Und ich kenne schon die Verwendungen, von der man in unserer Branche Gebrauch machen könnte. Zum Beispiel die Erschaffung von Leder anhand von Stammzellen. Wenn man ein Leder von der gleichen Qualität wie das vorhandene haben könnte, ohne dafür Tiere töten zu müssen, wäre es etwas Außergewöhnliches und Revolutionäres. Wir sind für alle Ideen offen. Das ist der Sinn der ganzen Sache. An dem Tag, an dem wir ein Ersatzmaterial finden, werden wir es ohne jeden Skrupel benutzen."

"Es ist toll, weil es die optimistische Seite dessen ist, was mit der Menschheit passiert", sagte ihrerseits Diane von Fürstenberg, die gleichfalls im FTL-Vorstand sitzt. "Jetzt ist die Zeit, sich der Sache bewusst zu werden. Es gibt eine totale Umwälzung, die schwer zu akzeptieren und vorauszusehen ist, aber wir müssen uns da hineinstürzen. Die Designer müssen daran teilnehmen. Man muss es wagen!"

"Jetzt können wir die Zukunft durch Technologie und Innovation nutzen, um uns zu verändern. Und wenn ein Designer von der Nachhaltigkeit nicht begeistert ist, ganz ehrlich gesagt, verstehe ich das nicht", meckerte wiederum Stella McCartney. Ginge es nach der Designerin, jenseits der moralischen Imperative, sollte die bloße Anziehungskraft der Neuheiten den Kreativsektor verführen.

Übersetzt von Elisa Gerlach

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