Gildo Zegna strebt trotz Gewinnsprung nicht an die Börse

Nur wenigen italienischen Luxushäusern gelang es, der weltweiten Konjunkturverlangsamung so erfolgreich zu trotzen wie Ermenegildo Zegna. Die soeben veröffentlichten Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2017 fielen, ungeachtet der zunehmenden Konkurrenz durch andere hochwertige Menswear-Marken, überaus positiv aus.


Gildo Zegna - DR

Ermenegildo Zegna ist eine der Vorzeigemarken der italienischen Modebranche und verfügt über eine innovative Stoffabteilung und eine hochwertigen Fertigungsstätte.
Für das Geschäftsjahr 2017 veröffentlicht das Unternehmen einen Gewinnsprung um 64 Prozent auf EUR 32,8 Millionen. Das starke Ergebnis ist nicht zuletzt der Begeisterung zu verdanken, die der neue Kreativdirektor Alessandro Sartori seit dem Antritt seiner neuen Stelle bei Zegna im Juni 2016 ausgelöst hat. Sein moderner, eleganter Stil vermochte alte und neue Kunden zu überzeugen.
 
Das Umsatzwachstum gestaltete sich mit einem Plus von 2,3 Prozent auf EUR 1,18 Milliarden zwar zurückhaltender, dennoch bleibt Zegna ein unbestrittenes Zugpferd unter den italienischen Vorzeigemarken. Der Übergang zwischen der einzigartigen und innovativen Stoffabteilung über modernste Produktionsstätten im Piemont bis hin zu einem Netzwerk von über 500 Stores und Boutiquen in bester Lage gelingt so gut wie nahtlos. So kann das Unternehmen auf seiner Website denn auch behaupten: "Ermenegildo Zegna ist ein vollständig vertikal integriertes Unternehmen, das bedeutet, dass wir die gesamte Lieferkette selbst überblicken können: Vom Schaf zum Store".
 
Doch folgt das 107-jährige Traditionsunternehmen nicht in den Fußstapfen vieler anderer italienischen Luxusmarken: Ein Börsengang wird nicht in Betracht gezogen. Der Gedanke daran liegt Firmenchef Gildo Zegna fern. Wir trafen ihn für ein ungezwungenes Gespräch über digitale Herausforderungen, den Umgang mit einer globalen Marke und einem schnelllebigen Marktumfeld sowie die Kapitalisierung von Alessandro Sartoris hoch gelobter Tätigkeit.
 
"Das Unternehmen wird noch heute von der Familie verwaltet. 100 Prozent in Privatbesitz. Wir würden nie verkaufen, warum auch? Nie und nimmer! Wir bleiben bei unseren Wurzeln, unserer Leidenschaft. Da gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern", betont Gildo Zegna bei einem Kaffee in seinem Büro in Mailand.
 
"Natürlich müssen wir aufmerksam und reaktiv bleiben, es handelt sich um einen anspruchsvollen Markt und der Druck und die Risiken, die wir eingehen, sind hoch. Die Key Player werden immer größer und auch ihre Menswear wird immer überzeugender. Zudem wachsen auch die französischen Marken zu starken, aggressiven Konkurrenten heran", bekennt Gildo Zegna, ohne spezifische Marken zu nennen. Es ist offensichtlich, dass er sich auf Marken wie Dior Homme, Berluti und Brioni bezieht.


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Ermenegildo Zegna – Herbst/Winter 2018 - Menswear - Mailand - © PixelFormula


Wie steht es um Zegna im digitalen Bereich?

"Alle sprechen von digitaler Umwälzung, doch der größte Wandel ergab sich für uns im Wettbewerb. Bis vor wenigen Jahren waren unsere Konkurrenten auf Bekleidung fokussiert. Doch das hat sich geändert. Die Kunden von heute wollen einen anderen Service, innovative Produkte und neue Erfahrungen – die mit mehr Emotionen und Spannung verbunden sind. Sie wollen Kleidung, die einfach zu tragen ist, Spaß macht und auch auf Reisen etwas herhält", analysiert der CEO. Gildo Zegna erscheint an diesem Tag in einem einreihigen Couture-Anzug aus Flanell, einem Rollkragenpullover aus einem Kaschmir-Seiden-Gemisch und Chelseas. Am Kragen trägt er den italienischen Arbeitsverdienstorden – Cavaliere del Lavoro –, der ihm 2011 vom damaligen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano verliehen wurde.
 
"Heute entfallen 50 Prozent des Umsatzes auf die Maßkonfektion, vor fünf Jahren waren es noch 70 Prozent! Dieser Wandel ist auch in China deutlich spürbar. Vor einem Jahrzehnt hieß es, China sei das Projekt unserer Generation. Wie sich das für uns ausgewirkt hat? China ist heute der größte Abnehmermarkt. Nach 2015 und 2016, zwei Jahren, in denen wir uns neu aufgestellt haben, war die Entwicklung erfreulich. Chinesen sind smarte Kunden. Sie reisen. Sie mögen Innovation und sind sehr offen für Neues. So wird China mehr und mehr zu einem Versuchsgelände, in dem wir neue Ideen, Projekte oder Stoffe testen können".
 
Weiter erklärt uns Gildo Zegna: "Im Großraum China verfügen wir nach der Konsolidierungsphase von den ursprünglich 90 Verkaufsstellen noch über 80 Stores. Die müssen hier jedoch fast mobil sein, da sich die Stadtzentren kontinuierlich verlegen. Wenn man in Mailand einen Flagship-Store an der Via Montenapoleone eröffnet, so kann man sich damit für die nächsten drei Generationen ausruhen. In China kann es aber notwendig sein, alle paar Jahre umzuziehen. Die französischen Marken haben sich bislang am besten an diese Notwendigkeit angepasst. Denn eine zentrale Luxus-Location kann innerhalb von nur einem Jahr vollkommen an Interesse verlieren. Dieser Entwicklung müssen wir vorgreifen und den Franzosen gelingt das ganz gut".
 
In China sei die Location noch viel wichtiger als in anderen Ländern: "Da muss das Einkaufszentrum stimmen, und auch die Nachbarn. Mietvereinbarungen laufen meist über fünf Jahre, dann ist man wieder frei. Nicht wie in den USA, wo man in einem Einkaufszentrum 10 Jahre lang festsitzt und einem die Hände gebunden sind!"
"In Paris sind wir in den Kaufhäusern Le Printemps, Bon Marché und Galeries Lafayette. Weiter haben wir Boutiquen an der Avenue George V und am Faubourg St. Honoré. Das ist jedoch gleich vor dem Elysée-Palast, was das Besucheraufkommen beeinträchtigt. Wir schlagen uns ganz gut, doch ist der Umsatz dort nicht umwerfend", stellt Gildo Zegna nüchtern fest. Die Marke verfüge insgesamt über mehr als 500 Stores, die Hälfte davon direkt von Zegna verwaltet, die restlichen sind Franchisen oder Shop-in-Shops.


Alessandro Sartori - Photo: Luca De Santis

 
Wie stehen Sie zum Konzept "See Now Buy Now"?

"Daran glaube ich nicht und wir machen da nicht mit. Unsere eigene Lieferkette ist ziemlich reaktiv, wir können die Waren relativ schnell produzieren. Pro Jahr gibt es acht Lieferungen, mit Pre- und Capsule Collections bis zu 10".
 
Alessandro Sartori entwickelte außerdem einen neuen Techmerino-Stoff für Anzüge, die zu 100 Prozent in der Waschmaschine gewaschen und dann zum Trocknen lediglich aufgehängt werden können. Die Stoffe der hochwertigen Oasi Zegna-Linie werden zudem mit Gräsern, Blättern und Wurzeln aus der Region eingefärbt.
 
Wie wichtig ist Innovation im Stoffsortiment?

"Wir haben rund ein Dutzend Spezialisten, die an den neuen Stoffen arbeiten. Oasi war ein Projekt, das seit zehn Jahren in einer Schublade steckte, doch war es noch nicht ausgereift. Als wir es dann umsetzten, war das wie eine Explosion! Wer weiß, vielleicht bleiben die Verkaufszahlen bescheiden, doch ist die Message sehr stark. Wir produzieren die ganze Kollektion intern, die verwendeten Farben stammen alle aus unserer Region, das ist einzigartig – und mit chemischen Methoden gänzlich unmöglich."


'Defining Moments' mit Javier Bardem und Dev Patel - Ermenegildo Zegna

 
Wie gehen Sie die Nachhaltigkeit an?

"Oasi ist da ein gutes Beispiel. Fast alle unserer Stoffe werden aus Naturmaterialien in unseren eigenen Produktionsstätten hergestellt. Wir verwenden unsere eigenen Wasserkraftwerke, wir haben zwei davon. Das ist Nachhaltigkeit pur. Es war Unsinn, nicht bereits früher darüber zu informieren, denn das machen wir schon seit Jahrzehnten so!", gesteht Gildo Zegna.
 
Die Geschäftsführung wird heute unter vier Familienmitgliedern der dritten Zegna-Generation aufgeteilt. Der Gründervater, Ermenegildo Zegna, hegte bereits 1918 den Traum, die hochwertigsten Stoffe zu schaffen und begann mit nur vier Webmaschinen. Gildo Zegnas Sohn Edoardo stieß 2015 zum Familienunternehmen, nachdem er mehrere Jahre im amerikanischen Einzelhandel Erfahrung gesammelt hatte.
 
Wir fragen den CEO, ob in seinem Unternehmen Regeln gelten wie bei Salvatore Ferragamo, wo die Beteiligung jeder Familie auf ein Familienmitglied pro Generation beschränkt wird?

"Das entscheidet jeder für sich. Wir haben für die Unternehmensführung strenge Regeln aufgestellt. Alle Familienmitglieder müssen einen Universitätsabschluss vorweisen und mehrere Sprachen sprechen können. Sie müssen sich für die anvisierte Stelle eignen und sie müssen mindestens fünf Jahre außerhalb des Unternehmens gearbeitet haben. Und zwar in richtigen Jobs, keine saisonalen PR-Praktika in New York zum Beispiel".

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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