Jennifer Brachmann: "Berlin ist eben immer noch hauptsächlich ein PR-Thema und kein Business-Thema."

Die Designerin Jennifer Brachmann hinter dem gleichnamigen Label studierte Modedesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle. Allerdings erst, nachdem sie bereits erfolgreich ein Architekturstudium an der Universität in Dresden abgeschlossen hatte. Letzteres machte ihr zwar Spaß, wäre aber hinsichtlich des Berufsalltags für sie in der Anwendung nicht kreativ-künstlerisch genug gewesen. In ihrer Mode-Diplomarbeit fanden dann die beiden Disziplinen aus den insgesamt 20 Semestern zusammen und wurden zur Handschrift ihrer Kollektionen. Nach ihrem Abschluss war sie einige Zeit als Selbständige in Projektarbeit und beim Film tätig. Schließlich sorgte ein Stipendium bei der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt dafür, dass aus einem Projekt eine erste eigene Kollektion entstand, die sogleich in Berlin zur Fashion Week im Januar 2014 und unter ihrem neu gegründeten Label präsentiert wurde.

Mit FashionNetwork.com spricht Jennifer live aus ihrem Berliner Atelier über die Bedeutung der Formsprache, Berlin als Modestadt und über ihren unrealistischen Wunsch für die Fashion-Industrie.

FashionNetwork.com: Das Thema Bauhaus ist das große Thema für Dich in Deinen Entwürfen. Wieso hast Du Dich gerade dafür entschieden?

Jennifer Brachmann: Im Architekturstudium hatte ich schon immer viel mit Bauhaus zu tun und mich dafür interessiert, weil mich die Ästhetik sehr anspricht. Die Designsprache Bauhaus ist bei mir sehr durch die Architektur definiert. Aber Bauhaus ist natürlich mehr als nur Architektur. Das, was am Ende die Mode ausmacht, hat eben sehr viel mit Architektur zu tun, mit der Entwurfsmethode, die sehr Bauhaus-geprägt ist. Man arbeitet aufgrund von Parametern, das Grundstück hat eine bestimmte Form und es gibt bestimmte Ansprüche an das Bauwerk, die in den Entwurf mit einfließen. Das ist eine sehr logische Art des Entwerfens und dadurch auch sehr clean und minimalistisch. Und diese Art des Entwerfens in die Mode zu übertragen, das war das Ziel.

Mode-Designerin Jennifer Brachmann ist auch (Mode-)Architektin! - Joachim Blobel

FNW: Bleibt dadurch der Modeaspekt oder das "Modische" zuweilen auf der Strecke, wenn man mehr den anderen Ansprüchen gerecht werden will?

J.B.: Das ist eine Haltungsfrage. Modisch kann ja auch ein angesetztes Ornament sein. Und da ist es einfach so, dass die Formsprache, die wir haben, eben nicht ein Ornament nur des Ornamentes Willens da ist, sondern die Gestaltung wächst aus sich heraus. Man fügt nichts hinzu, weil man sagt, da fehlt noch etwas. Also für mich ist es kein Widerspruch: Minimalismus und modisch. Es geht tatsächlich darum, dass jede Naht und jede Form am Ende gesetzt werden, sodass sie dem gesamten Konzept zugrunde liegen. Was bei uns ja auch ein großes Thema ist, ist eben das modulare Gestalten. Wenn sich zwei Module zusammenfügen, dann ergeben sich Schnittstellen und aus diesen Schnittstellen ergeben sich wieder neue Konstruktionen in der Schnittkonstruktion, die dann wiederum ästhetisch sind. Am Ende sind Kleidungsstücke Flächen, die etwas Dreidimensionales ergeben. Und wie man die Flächen zusammenfügt, das kommt dann auf die Module an. Das ist etwas Spielerisches und je nachdem, wie man diese zusammensetzt, ergibt sich dann eine neue Nahtführung oder ein Kontrast.

FNW: Hast Du Module, die Du in jeder Kollektion verwendest? Eine Art Markenzeichen-Modul?

J.B.: Was schon immer eine große Rolle spielt, das sind Falten, also den Stoff zu falten und dadurch auch ein gewisses Layering entstehen zu lassen. Flächen, die hinter der Falte verschwinden oder in die Falte reingehen. Und wenn die Falte sich öffnet, geht zum Beispiel die Tasche weiter. Das Layering an sich, wenn man das wieder auf die Architektur überträgt, ist ja eine Staffelung des Raumes. Hier ist es dann eher eine Staffelung des Raumes am Körper. Wie sich diese Module hinter- oder ineinanderschieben, das ist bei jeder Kollektion anders. Mal macht man das am Ärmel oder es geht beispielsweise um den Rücken. Der Körper macht ja auch etwas mit den Konstruktionen. Und dieses Zusammenwirken der Flächen mit dem Stoff und des Körpers mit der Konstruktion ist das, was die Kollektion entstehen lässt. Eine meiner Stärken, so würde ich es bezeichnen, ist, dass ich ein relativ gutes räumliches Vorstellungsvermögen habe – auch durch die Architektur geschult – und das fließt beim Machen der Mode mit ein. Ich glaube, diese Art und Weise des Entwerfens ist eine gute, um eine Handschrift in eine Kollektion reinzubringen.

FNW: Du hattest mit Herrenmode angefangen, seit der Frühjahr-/Sommerkollektion 2018 gibt es auch Damenmode. Wie kam es dazu?

J.B.: Das war immer schon ein Thema, was wir im Team diskutiert hatten. Es kam auch daher, dass tatsächlich Frauen kamen und gerne das, was es in der Männerkollektion gab, auch für sich gehabt hätten. Also von der Formsprache von einem Klassiker ausgehend, aber modernisiert und minimalistisch, sich aber von der Männermode abgrenzend.

FNW: Wieso hattest Du denn überhaupt mit Herrenmode begonnen?

J.B.: Weil ich damals – und immer noch heute – ein großes Interesse und Potential in der Herrenmode sehe. Die Männer waren, meiner Meinung nach, in der Gesamtheit der Mode etwas nach hinten abgefallen. Das war die eine Motivation, die andere resultierte aus dem Bauhaus-Gedanken, aus dem Architektur-Ansatz, heraus, der gut auf den männlichen Körper passt. In meiner Diplomarbeit waren die Klassiker bereits ein Thema. Ich hatte damals das Gefühl, das Klassiker noch ein wesentlicherer Begriff für die Männer- als für die Frauenmode war. Also die Klassiker zu modernisieren und dieses Spannungsfeld auszutesten.

FNW: Und wie genau unterscheiden sich die Frauen- und Männerkollektionen?

J.B.: Die Frauenmode ist natürlich von der Passform etwas anderes. Das Sortiment ist auch anders, es gibt auch Kleider und Röcke. Sie ist am Ende doch etwas verspielter als die Männermode, aber schon noch im Rahmen unserer Formsprache.

Die Damenkollektion von Brachmann für Frühjahr/Sommer 2018 - Andreas Hofrichter

FNW: Es werden für die Kollektionen nur nachhaltige Materialien verwendet. Resultiert das auch aus dem Bauhaus-Gedanken heraus?

J.B.: Ich würde es jetzt nicht direkt auf das Bauhaus beziehen, da das auch eine Zeitgeist-Sache ist. Das, was man macht, sollte man verantwortungsvoll machen. Unsere Nachhaltigkeit bezieht sich ja auch auf das Design, dass man nicht nur eine Saison daran Gefallen findet, dass von der Ästhetik her schon ein Lieblingsstück daraus werden kann. Etwas, was eine Weile vom Design interessant ist, aber auch von der Qualität. Wir versuchen so regional wie möglich zu produzieren und dass natürlich die Arbeitsbedingungen fair sind.

FNW: Ihr wart 2016 für den Woolmark Prize im Bereich Menswear nominiert. Was hatte das für Auswirkungen auf das Label?

​J.B.:
Die Nominierung hat da relativ wenig an Nachwirkung gehabt. Da ist es tatsächlich so, glaube ich, dass wenn du gewinnst, das etwas bringt. Wenn man nicht gewinnt, ist man da relativ schnell wieder aus der Aufmerksamkeit raus. Ich glaube aber, das ist ganz normal. Das Label hat sich seitdem einfach insofern entwickelt, dass es sich eben kontinuierlich immer ein Stück weiterentwickelt. Auch wir werden natürlich immer routinierter, kennen das Business besser und reagieren ganz anders auf Dinge, die passieren. Durch die Nominierung gab es kurzzeitig mehr Aufmerksamkeit und dann – wie es so in der Mode ist – ist die Aufmerksamkeit auch nur begrenzt da, bis zur nächsten Competition.

FNW: Und seit 2014, als Brachmann erstmals auf der Berlin Fashion Week präsentiert wurde, was hat sich in Berlin seitdem für Euch ergeben?

J.B.: Dadurch, dass man sich in Berlin zeigt, hat man eben schon, wenn es um das Marketing geht, eine größere Bekanntheit. Gehört irgendwie dazu, zu einem Berliner Mode-Label. Seit ein paar Saisons gibt es ja auch den Berliner Mode Salon, bei dem man bei der Gruppenpräsentation dabei sein kann. Ja, wir sind ein Berlin-Label, wir produzieren hier, wir arbeiten hier und sind sicherlich jetzt mehr ein Berliner Label als wir es 2014 waren. Wir gehen immer ein paar neue Schritte, wie die mit der Frauenkollektion, oder was durch den Zeitgeist eben gerade angesagt ist.

FNW: Aber Ihr zeigt auch in Paris. Warum das?

J.B.: Weil Berlin eben immer noch hauptsächlich ein PR-Thema ist und kein Business-Thema. Also es gibt weniger Einkäufer, die überhaupt in Berlin schauen. Von der Struktur her ist Berlin eigentlich immer noch nicht auf das Business fokussiert. Am Ende geht es ja schon darum, dass man die Sachen den Leuten präsentiert, die möglicherweise kaufen. Und das passiert eben in Paris und in einer ganz anderen Größenordnung. Wenn man diesen Stand haben möchte, dann ist Paris wichtig und Berlin reicht eben nicht aus.

FNW: Aber wieso Paris und nicht London oder New York?

J.B.: Weil nach Paris tatsächlich alle kommen, auch wegen der Tradition als Modeeinkaufsstadt. Und in Paris ist tatsächlich noch – vielleicht wird sich das mal ändern – die stärkste Fashion Week, wo eben auch alle Richtungen vertreten sind. Während, meiner Meinung nach, andere Fashion Weeks einen Fokus auf einen bestimmten Markt haben. Paris ist die internationalste Modemesse, wo die ganze Welt quasi hinkommt. Ich weiß nicht, ob nach New York gleichermaßen viele Einkäufer reisen. Ich denke, Paris ist da doch noch eine andere Hausnummer.

FNW: Kommt das Design dort gut an oder ist es den Parisern zu deutsch?

J.B.: Es kommt darauf an. Es gibt sicherlich Leute, die das zu deutsch finden. Aber es gibt auch Leute, die das gar nicht als deutsches Design ansehen. Es ist ja auch immer die Frage, was deutsch ist. Bauhaus ist immer wieder ein Thema, vom Ursprung deutsch, aber es gibt trotzdem ein großes internationales Interesse und es wird von internationalen Designern als ein wichtiges Thema interpretiert und als Ausgangspunkt für Kollektionen genommen. Am Ende kommt es mehr darauf an, dass man mit der Formsprache in den Laden und zu den anderen Marken, die da im Laden sind, passt. Deswegen ist es mehr eine Frage des Matches: Wer kommt? Wer sieht die Kollektion? Natürlich ist die deutsche Mode oder Deutschland nicht unbedingt dafür bekannt, eine Mode-Nation zu sein, aber ich glaube, dass man sich davon einfach ein bisschen lösen muss.

FNW: Brachmann ist ja schon noch ein junges Label. Wie schafft man es heutzutage, dass man überlebt?

J.B.: Zum einen, dass man kontinuierlich, diszipliniert arbeitet. Wir haben aber auch zum anderen in Berlin unser Atelier, das heißt, wir haben auch direkten Kontakt zum Kunden und machen Kundenanfertigungen basierend auf unseren Kollektionen. Wir bieten den Service, die Modelle auch auf Maß zu fertigen, was gut funktioniert. Das ist ein wichtiger Teil unseres Business.

FNW: Wenn Du jetzt abschließend einen Wunsch frei hättest in Bezug auf die Modewelt, was würdest Du Dir da wünschen?

J.B.: Es ist ein sehr unrealistischer Wunsch. Es läuft sehr viel über das Image und manchmal reicht es auch aus, dass das Image gut ist, aber das, was dahinter steckt in den Kollektionen, man das auch anders sehen könnte. Ich wünschte mir manchmal, dass das Verhältnis zwischen "wie wichtig das Image ist" und "das tatsächliche Design und die Qualität des Designs" sich mehr die Waage halten würde. Aber die Image-Blase ist etwas Spezifisches für das Business, dass es so funktioniert. Das ist unrealistisch, ja, aber das wäre etwas, was schön wäre!

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