Unesco: Blaudruck-Verfahren kann immaterielles Kulturerbe werden

Ein riesiger Bottich gefüllt mit dunkler Flüssigkeit. Cordula Reppe taucht weißen Stoff hinein – nach einiger Zeit zieht sie ihn wieder hinaus, er kommt mit Luft in Berührung. Den Vorgang wiederholt sie, bis der typisch indigo-blaue Farbton zum Vorschein kommt. Dazwischen sind weiße Ornamente auf dem Stoff zu erkennen. 

Muster, die im Blaudruck-Verfahren entstanden sind – aus der Werkstatt in Pulsnitzvon Cordula Reppe. - Screenshot/mm

Die 55-Jährige pflegt die Jahrhunderte alte Tradition des Blaudruck-Färbens in ihrer alten Werkstatt in Pulsnitz in der Oberlausitz. Es gibt in Deutschland nur noch vereinzelt Blaudruck-Experten, die die Stoffe traditionell in Handarbeit herstellen.

Und die Zahl wird immer überschaubarer. Bis vor wenigen Jahren gab es etwa im brandenburgischen Cottbus eine aktive Blaudruck-Werkstatt. Das Geschäft ruhe nun aus Altersgründen, sagt Evelin Rühtz-Müller. Dass in Cottbus nicht mehr produziert wird, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Jede Woche bekomme sie Anrufe und Anfragen, ergänzt Rühtz-Müller. Seit den 1980er Jahren war sie selbstständig und hatte neben ihrer Werkstatt zwei Ladengeschäfte in Cottbus und im Spreewald. Den Betrieb habe sie nur noch nicht abgemeldet, weil ihr Herz daran hänge.

In Pulsnitz glückte vor einigen Jahren die Übergabe an Nachfolgerin Reppe. Davor war sie Leiterin des Stadtmuseums gewesen und hatte mit Blaudruck nur wenig zu tun, wie sie berichtet. Dann habe sie von der Suche nach einem Nachfolger erfahren und den Schritt gewagt. Seit der Übernahme der vielen alten Geräte lerne sie jeden Tag ein Stück mehr über das Handwerk. In ihrer Schau-Werkstatt sind jede Menge Arbeitsgeräte zu sehen.

Reppe nimmt ein Model in die Hand – so heißen die Holzstücke mit Mustern, die auf den weißen Stoff aufgedrückt werden. Das Model wird dazu in eine breiartige Masse, Papp genannt, aus Ton, Gummi und geheimen Zutaten getaucht und dann auf den Stoff aufgedrückt. Das Ganze härtet über Wochen aus und bildet eine Art Schutz beim Färben – die Stellen werden also ausgespart. Reservedruck heißt die Bezeichnung. Nach dem Färben wird die Masse abgewaschen und der Blaudruck-Stoff ist fertig.

Es gibt Bestrebungen, das Blaudruck-Verfahren in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit bei der Unesco aufzunehmen. Mehrere Länder, darunter Deutschland, nominierten die jahrhundertealte Technik der Stoffveredelung, wie die deutsche Unesco-Kommission vor einiger Zeit mitgeteilt hatte. Eine Entscheidung soll es im nächsten Jahr geben.

In einem bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes ist der Blaudruck bereits seit 2016 aufgeführt, diese Liste ist aber keine Unesco-Liste. Dass Blaudruck in der Gesellschaft seine Spuren hinterlassen hat, sieht man zum Beispiel an dem Sprichwort "Du wirst Dein blaues Wunder erleben". Es spielt auf das Blaufärben an.
Reppe fertigt aus den Stoffbahnen Tischwäsche, Gardinen, Schürzen oder kleine Accessoires wie Lavendelsäckchen und Glückwunschkarten. Sie verkauft auch Meterware - etwa für Trachten. Die Nachfrage steige, sagt die 55-Jährige. "Viele Kunden wollen Individuelles haben."

Blaudruck-Motiven sind auch andernorts sehr gefragt. Georg Stark betreibt zum Beispiel in Jever in Niedersachsen eine Blaudruck-Werkstatt mit Laden. Der Verkauf sei seit Jahren konstant, sagt er. Er könnte demnach eigentlich noch mehr produzieren. Stark setzt auf alte Dekore aus vergangenen Jahrhunderten. Dazu zählen Granatapfelmotive, Pfauenfedern und Nelken, wie er erläutert. Seine Kunden kämen aus ganz Deutschland, der Tourismus in der Region spiele seinem Geschäft zu.

Zu den beliebtesten Produkten zähle Tischwäsche aus Leinen und Tücher und Schals aus Seide. Stark setzt sich für den Erhalt der alten Handwerkstradition ein. "Das Handwerk ist eigentlich untergegangen", sagt er. Die Industrialisierung habe die meisten kleinen Betriebe verdrängt.

Obwohl die Zahl der Blaudruck-Werkstätten in Deutschland überschaubar ist, ist die Szene hierzulande im europaweiten Vergleich noch am größten, wie die Künstlerin Lisa Niedermayr erläutert. Sie lehrt an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Einige Werkstätten existierten noch in Tschechien, Österreich, Ungarn und der Slowakei.

Aus ihrer Sicht erlebt der Blaudruck seit Jahren eine Renaissance, was auch damit zu tun habe, dass für viele Konsumenten Nachhaltigkeit bei Textilien wichtig sei. Modedesigner, aber auch Künstler greifen gerne die Technik des Blaudrucks auf, auch um das Wissen zu bewahren.

Blaudruck-Stoffe spielen auch bei Trachtenkleidung eine Rolle, wie der Deutsche Trachtenverband mitteilte. Er kommt von Freitag an in Lübben im Spreewald zum Deutschen Trachtentag zusammen. Zum Beispiel komme der Blaudruck in Arbeitstrachten in Thüringen vor. Auch bei sorbischen Trachten ist der verarbeitete Stoff zu finden. Unter Trachtenverbänden sei Blaudruck immer wieder ein Thema, weil der Markt für die Stoffe eingeschränkt ist, sagt Verbandspräsident Knut Kreuch. Teilweise werde der Stoff aus dem Ausland bezogen.
 

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