Valérie Schneider-Reboul: "Unsere Gäste sollen zum Träumen angeregt werden, aus ihrer Alltagswelt entfliehen."

Valérie Schneider-Reboul hat zusammen mit ihrem Vater Ernest Schneider die Schweizer Uhrenmarke Breitling aufgebaut, sich dann 1987 daraus zurückgezogen, um sich um ihre drei Kinder zu kümmern. Als sie 1991 von ihrem Vater Land und ein Schloss in der Provence geschenkt bekam, war sie erst einmal gar nicht so begeistert.

Valérie Schneider-Reboul mit ihrem Mann Remy. - Chåteau d'Estoublon
 
Doch zusammen mit ihrem Mann Remy Reboul hat sie sich, der inzwischen 800 Hektar, angenommen und das Anwesen mit Weinreben und Olivenbäumen begrünt, um Olivenöl und Wein unter dem Namen Château d'Estoublon zu produzieren. Letzter Schritt bei diesem Mammutprojekt war die Neukonzeption vom Schloss und dessen Renovierung, die Anfang 2017 fertig gestellt wurde – leider 1,5 Jahre nach dem Tod von Ernest Schneider.
 
Seit August werden einzelne Etagen vom Schloss tage- oder wochenweise komplett vermietet – als Familienhaus. Es besteht aus elf unterschiedlichen Suiten, Spa, Pool, Heliport, Cinema – mit Butler und einem privaten Koch.
 
Im Interview mit FashionNetwork.com erzählt Valérie Schneider-Reboul wie sie das Unternehmen Château d'Estoublon aufgebaut hat und was sie unter einem Familienhaus versteht.

FashionNetwork.com: Olivenöl statt Uhren. Wie hat Ihre Kindheit die Idee geprägt, ein eigenes Business aufzubauen?
Valérie Schneider-Reboul: Um ehrlich zu sein war mein Vater der Auslöser dafür. Als mein Vater mir das Chateau zeigte und sagte, dass er es kaufen wolle, sagte ich zuerst: Nein, ich will das nicht. Ich habe Breitling 1987 verlassen, um mich um meine Kinder zu kümmern und kein Interesse jetzt wieder etwas Neues aufzubauen. Das machte ihn so traurig, dass ich mich schließlich entschlossen habe, mitzumachen. Aber am Anfang war hier nichts: keine Oliven, kein Wein. Jetzt mache ich es mit Liebe und Leidenschaft zusammen mit meinem Mann Remy.
  
FNW:Was ist der Unterschied zu den Ölen, die ich im Supermarkt kaufen kann?
VSR: Zuallererst haben wir hier sehr guten Boden, wir benutzen keine Pestizide und verarbeiten die Oliven noch am Tag der Ernte. Zum Schutz vor Schädlingen werden die Olivenbäume anstelle von Pestiziden mit Porzellanstaub umhüllt. Dieser ist so hart, das die Schädlinge keine Chance haben den Porzellanmantel zu durchstechen. Zu Beginn haben wir jede Olive einzeln von Hand gepflückt. Jetzt haben wir eine Art Vibrator, welcher den Stamm schüttelt und die Oliven werden in einem Schirm aufgefangen, was uns die Arbeit sehr erleichtert. Die Oliven werden dann am selben Tag gepresst und das Öl bewahren wir in einem großen Fass auf und erst wenn eine Bestellung aufgegeben wird, füllen wir es frisch in die Flasche ab. Alles in Handarbeit zu machen ist aufwendig und natürlich ein kostspieliger Prozess – das schmeckt man und das ist der Unterschied zu einem preiswert hergestellten Öl.

Vorderseite des Château d'Estoublon. - Château d'Estoublon
 
FNW: Die meisten kennen das Öl, allerdings produzieren sie auch Wein?
VSR: Den Wein hier anzubauen, war noch aufwendiger. Der Boden ist für bestimmte Sorten nicht gut, deswegen haben wir Spezialisten engagiert und die optimalen Anbauplätze für spezielle Sorten definiert. Den Boden haben wir teilweise sogar austauschen müssen. Wir produzieren wetterabhängig 30.000 – 60.000 Liter. Dieses Jahr ist das Wetter z.B. sehr gut für die Oliven, aber ein komplettes Disaster für den Wein. Egal wie hart man arbeitet, wenn die Natur nicht mitspielt hat man keine Chance. In einem guten Jahr machen wir also 60.000 Liter Olivenöl und ähnlich viel Wein, in einem schlechten Jahr 25.000.
 
FNW: Ihre Produkte gibt es in Deutschland in der Galerie Lafayette im KaDeWe und in einigen anderen Luxuskaufhäusern, es ist also durchaus eine Erfolgsgeschichte. Auch ihr Vater hat diese kleine Uhrenmanufaktur gekauft und zu Weltruhm geführt. Würden Sie sagen, dass der Erfolg Ihnen bzw. ihrer Familie im Blut liegt?
VSR: Ich glaube nicht, dass es am Blut liegt, sondern an der Erziehung. Wenn man erfolgreich sein will, muss man mehr arbeiten als die anderen. Man muss mit Leidenschaft und Herz bei der Sache sein. Mein Vater hat sein Leben lang hart gearbeitet und wir verfolgen den gleichen Kurs. Was immer man auch macht, ich glaube fast alle Menschen können erfolgreich sein, wenn sie hart arbeiten und an sich glauben. Mit drei Kindern, einem Vater, der nicht gerade einfach war und mit meinem Mann zu arbeiten, war schwer genug. Ich hatte oft keine Lust mehr, aber immer das große Ziel vor Augen irgendwas Großes zu schaffen und dann macht man eben weiter. Schon als Kind, wenn ich mit meinem Vater Bergsteigen war und keine Lust mehr hatte, hat er mich gefordert und schließlich sind wir auf dem Gipfel angekommen – das fühlte sich gut an. So erziehe ich auch meine Kinder. Ich sage ihnen, egal wieviel Geld ihr habt, ihr müsst arbeiten, wenn ihr es bewahren wollt.
  
FNW: Nach Olivenöl und Wein jetzt auch noch ein Hotel, oder soll ich lieber Familienhaus mit Gästen sagen?
VSR: Das Anwesen muss sich selbst refinanzieren. Zuerst habe ich mit einem Concept Shop angefangen. Dann kam die Idee mit dem Restaurant, was ein Erfolg wurde mit bis zu 300 Gästen pro Tag. Zehn Jahre lang habe wir einen Weihnachtsmarkt veranstaltet, mit 60.000 Besuchern jährlich. Besucher kamen aus der ganzen Welt, aus New York und Genf zu uns. Das hat also sehr gut funktioniert.
Mit dem Schloss konnten wir lange nichts anfangen. Erst wollten wir selber einziehen, dann einzelne Appartements vermieten, wir überlegten zehn Jahre. Schließlich sagte ich mir, lass es uns als Privathaus herrichten, vielleicht ziehen wir ein, vielleicht mein Vater, der dann leider verstarb. Ich hatte keine bessere Idee, es ist zu klein für ein Hotel, zu groß für ein Bed & Breakfast, also wurde es ein Familienhaus.


Eines der elf Schlafzimmer im Schloss. - Château d'Estoublon

 
FNW: Wie kam der spannende Mix aus alten und neuen Sammlerstücken zustande – gab es Designer, Architekten oder Künstler, die sie bei der Gestaltung des Hotels beeinflusst haben?
VSR: Ich wollte nie in dieses Schloss gehen als es noch alt und zerstört war. Es fühlte sich immer irgendwie seltsam an. Aber meine Grundidee war es Design des 18. Jahrhundert mit moderner Zweckmäßigkeit und Komfort zu kombinieren. Ich habe ja auch schon einen Interieurladen betrieben und kannte deshalb die ganzen Quellen. Ich habe über zwei Jahre in Geschäften in Italien, in Paris auch in Deutschland Einrichtungsgegenstände eingekauft – ohne einen Plan. Als mein Vater starb, habe ich dann noch seine Möbel übernommen – das waren die letzten Puzzlestückchen.
 
Als dann die ganzen Paletten und Kartons mit meinen Einkäufen ankamen richtete sich das Chateau fast wie von selber ein, jeder Gegenstand fand den ihm angestammten Platz. Ich kann das gar nicht erklären. Die Seidenvorhänge im Wohnzimmer sind z.B. von Pierre Frey, einige Tapeten von Christian Lacroix und die Boxspringbetten sind handgefertigt von Schramm. Zuerst habe ich für jedes Zimmer die unterschiedlichen Vorhänge ausgewählt, dann die Farbe der Wände nach der Farbe der Vorhänge ausgewählt und dann alles andere angepasst. Für den Billard-Tisch, der normal einen grünen Filz hat, habe ich deshalb auch einen roten Bezug ausgewählt. Das Rot des Billard-Tisches ist also exakt das Rot, das in den Vorhängen ist. Jedes Zimmer ist individuell und komplett anders, aber im Raum selbst passt alles zusammen.


Diese Wohnzimmer verbindet zwei Schlafzimmer miteinander. - Château d'Estoublon

FNW: Wer ist der perfekte Gast?
VSR: Das Château ist sehr speziell, es ist genau so wie ich es mir vorstelle und mein Geschmack gefällt bestimmt nicht jedem, aber dass muss es auch nicht. Ich muss niemandem gefallen, muss niemanden überzeugen, ich will Angestellte und Gäste hier haben, die verstehen und schätzen was wir tun. Unsere Gäste sollen zum Träumen angeregt werden, aus ihrer Alltagswelt entfliehen, entschleunigen.
 
FNW: Haben sie sich mit dem Château einen Traum erfüllt?
VSR: Nein gar nicht, ich hatte in meiner Kindheit eine adelige Freundin, deren Familie mehrere Schlösser besaß, aber sie waren sehr arm und deshalb habe ich das Chateau immer mit Armut gleichgesetzt. Kurz gesagt es war nicht mein Traum, aber ich habe es zu meinem Traum gemacht und jetzt bin ich wirklich sehr verliebt.
 
FNW: Wo leben Sie, wenn Sie nicht hier sind?
VSR: Einen Großteil des Jahres verbringen wir in der Schweiz, immer in zweiwöchigem Wechsel und seit neuestem auch in der Karibik auf Turks und Caicos, ich liebe es dort zwei Monate am Stück zu verbringen. Weit weg von allem zu sein, zu meditieren und zu malen. Auch hier auf dem Château d'Estoublon bieten wir Yoga- und Meditationskurse an, es ist der perfekte Platz, um zu sich selbst zu finden.
 

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