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Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
14.07.2020
Lesedauer
4 Minuten
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Abschlusstag der Paris Menswear Digital: Der Stoff für ganz großes Kino

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
14.07.2020

Abbie Hoffmann nannte seine aufschlussreiche Autobiografie als Polit- und Sozialaktivist in den USA der 60er-Jahre "Soon to be A Major Motion Picture". Ein Titel, der sich ebenso gut als Überschrift für den letzten Tag der Paris Menswear Digital eignet.

 


Da die Saison aufgrund der Coronavirus-Pandemie gänzlich digital abgehalten werden musste, brachte sie nicht nur die gewohnten Facetten der Designer zu Tage, sondern auch ihre verborgenen Talente als Independent-Regisseure und Nachwuchs-Filmmacher. Das hatte durchaus auch positive Seiten, wenn man davon ausgehen kann, dass an der nächsten Modewoche auch tatsächlich wieder Laufsteg-Shows gezeigt werden. Die im Vorfeld verbreiteten Gerüchte, wonach die wichtigsten Modewochen der Welt in London, Mailand, New York und Paris in Zukunft alle nur noch online stattfinden, haben sich deutlich geirrt. Es ist ein Grundgesetz der Mode – sie muss live miterlebt werden können, Punkt.

Lanvin eröffnete den Tag mit seinem Video "Le Palais Idéal", das in einer seltsamen Grotte des naiven Künstlers Ferdinand Cheval gedreht worden war. Der französische Postbote ließ sich von den Postkarten der Pariser Ausstellungen seiner Zeit inspiriere und errichtete seine Grotte in über 40-jähriger Handarbeit. Die Inspiration für seine hochstilisierte Architektur stammte von den unterschiedlichsten Quellen, von einem Bayrischen Schloss bis hin zu einem Rajasthan-Palast, mit seltsam grobkörnigen Statuen von Caesar, Vercingetorix und Archimedes.

Ein passender Rahmen für diese wirkungsvolle Co-ed-Kollektion mit hellblauen 60-er Jacken ohne Revers, Mod-Reefer-Mänteln, Panzerkreuzer Potemkin-Blusen für Herren und großartigen rüschenbesetzten Tupfenkleidern, Wollkimonos, existentialistischen Leder-Trenchcoats wie von Juliette Greco für Damen. Um die dramatische Stimmung noch zu betonen, bot der Kreativdirektor auch einen Cat Bag, der sich an dem Art Deco-Kamin inspirierte, den Alvar Aalto für Jeanne Lanvin entworfen hatte, inklusive Emaille- und Kristalldetails.

"Ich wollte, dass Lanvin eine dramatischere und filmischere Version jeder Person verkörperte. Dass jeder die Figur aus seinen Träumen sein kann", so der in Marseille geborene Kreativdirektor Bruno Sialelli im Gespräch mit Modereporterin Camille Charrière. Sechs ihrer Interviews wurden auf der umgestalteten Webplattform der Chambre Syndicale de la Mode Masculine, die in Paris für die Männermodewoche zuständig ist, veröffentlicht. Auf die Frage, was ihm während des Lockdowns am meisten fehlte, antwortete Sialelli: "Tanzen und Tanzbewegungen … Ich denke, es ist wichtig, den kreativen Prozess nicht zu stark zu intellektualisieren".


 



Insgesamt standen am Montag 18 Veranstaltungen auf dem Programm, von insgesamt 67 für die gesamte Modewoche.

Das koreanische Streetwear-Label We11done zeigte hübsch aussehende gelangweilte Jugendliche mit der wohl besten Auswahl an Models. Diese räkelten sich in einem modernistischen Loft, das aussah, als stammte es aus einem Fotoshoot in Wallpaper*. Mit Hugh Hefner-Pyjamas und XL-Percy-Shelley-Blusen für Herren, wie auch Wollmänteln mit riesigen Ärmeln und May Quant-Kleidern für Damen. Darüber hinaus bestach der Beitrag mit dem besten Bild der Saison – ein goldener Adler, der auf einem Nest aus einem Dutzend roter Überwachungskameras thronte.

Im imaginären Trailer von Phipps spielten die Models unter dem Titel "Coming next Spring" die Fantasie vor, in einem wirklichen Filmtrailer ('Spirit of Freedom') zu spielen. Die sich im heutigen Wilden Westen abspielende Geschichte enthält Landschaften, die eines John Ford würdig wären. Der erste Satz ist wundervoll trocken: "Have you seen Phipps?", fragt ein unerfahrener Junge einen knorrigen alten Mann. Die Antwort in der tiefen Stimme des Erzählers: "Aber wie findet man einen Mann, der nicht gefunden werden will"? Die Kleider fühlten sich zweitrangig an, dennoch waren sie sehr überzeugend – Cowboy-Hemden mit Sternen und Streifen, sehr männliche Karo-Herrenmäntel und gewaltige Tops mit Wildkatzen-Print, gezeigt vor großartigen Kulissen. Wenn nur Henry Hathaway eine Drohne gehabt hätte …

In dieser sehr technologisch geprägten Saison kommt dem Label White Mountaineering der Titel der Marke zu, die die neuen Technologien am wirksamsten einsetzte. Mit Teleobjektiv-Bildern, Cad/Cam-Zuschnittsystem und industriellem Soundtrack, wobei die Models aus verschiedenen Winkeln auf die Zuschauer zugingen. Dadurch war es ein Leichtes, die sinnlich zugeschnittenen Dreiteiler, fließenden Cabans, Parkas mit mehreren Reißverschlüssen und eleganten Anglerhemden zu bewundern. Fast alles ganz in Schwarz und fast alles sehr tragbar. Kommerziell, berechnend und gerissen, im besten Sinne dieser Begriffe. Eine vorzügliche Präsentation des Designers Yosuke Aizawa und Bestnoten für den Regisseur Daito Manabe.


 


Alle Schauen stehen unter fhcm.com zur Verfügung. Die neue Plattform des französischen Modedachverbands Fédération de la Haute Couture et de la Mode enthält zahlreiche Beiträge im Vimeo-Format, so eine Erzählung des konzeptuellen Couturiers Palomo Spain. Dessen spanischer Clip "Rehearsal" war sehr düster und auch zu lang. Seine schwarz-weiße Kreuzung aus karierter Barjacke und Costa del Sol-Playboy und die fabelhaften schwarzen Seidenanzüge boten gewiss eine geballte Ladung Stil. Doch im Vergleich zu seinen anderen meist brillanten Installationen, beispielsweise in der spanischen Botschaft in Paris während der Damenmodewoche, fühlte sich dieser Beitrag etwas bescheiden an.

Dunhill entschied sich für einen "öffentlichen Aufklärungsfilm" mit Archivmaterial aus den 70er-Jahren und Laufsteg-Aufzeichnungen seiner jüngeren Shows, um augenzwinkernd Eigenwerbung zu machen. Was sich etwas lahm anfühlte.

Und schließlich war nur an wenigen Frühjahr-/Sommer-Schauen mehr Haut zu sehen, wie an dieser. So bei Ludovic de Saint Sernin, in dessen Video ein junger Mann in Badehosen aus weißem Leder auf einem Kiesstrand einen anderen Jüngling anmachte.

Aber Thom Browne zeigte in seinem Video ein halbnacktes dunkelhäutiges Model, den Musiker Moses Sumney, in einem paillettenbesetzten weißen Sarong und mit Kopfhörern. Es ist nicht gerade einfach, sich eine Meinung zu dieser Kollektion zu bilden, doch über die zukünftigen Filmpläne von Thom Browne darf spekuliert werden.
 

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