Amazon: Same-Day-Lieferung drückt auf Ergebnis

Laut den am Donnerstag veröffentlichten Zahlen verpasste Amazon erstmals seit zwei Jahren die Gewinnerwartungen. Der Konzern berichtete, dass die Einnahmen im laufenden Quartal eingebrochen sind und verwies auf die höheren Kosten im Zusammenhang mit der Einführung der Same-Day-Lieferungen.


Der Umsatz des weltgrößten Onlinehändlers stieg im zweiten Quartal des Geschäftsjahrs um 20Prozent auf USD 63,4Milliarden. - Reuters

Das Unternehmen mit Sitz in Seattle zog mit seinem Treueclub Prime über 100 Millionen bezahlende Mitglieder an, denen er eigene TV-Shows, verschiedene Gadgets mit dem Sprachassistenten Alexa und schnelle Liefermöglichkeiten für zahlreiche Güter bietet, einschließlich Lebensmittel über die Filiale Whole Foods Market.

Nun investiert Amazon stark in die Kürzung seiner Lieferfristen, um Prime-Mitglieder Same-Day-Lieferungen bieten zu können und im Wettbewerb mit Rivalen wie Walmart, der eine Zweitageslieferung ohne Mitgliedergebühren eingeführt hat, weiterhin die Nase vorne zu haben.

CEO Jeff Bezos erklärte den Medien, dass das Umsatzwachstum des Unternehmens weiter zugenommen habe, und sprach auch über das Same-Day-Delivery-Projekt. Die Kosten des Programms überstiegen im zweiten Quartal die von Amazon errechnete Schätzung von USD 800 Millionen (EUR 718 Mio.), wie CFO Brian Olsavsky an einer telefonischen Pressekonferenz erklärte.

"Zurzeit sehen wir einen steigenden Kostenaufwand, den wir auch in die Umsatzplanung für das dritte Quartal eingearbeitet haben", so der CFO. Er erklärte, dass das Unternehmen in den kommenden Quartalen weiter an der Einführung der Same-Day-Lieferung in Nordamerika und Europa arbeiten werde.

Der Umsatz des weltgrößten Onlinehändlers stieg im zweiten Quartal des Geschäftsjahrs um 20 Prozent auf USD 63,4 Milliarden (EUR 56,9 Mrd.). Analysten waren laut IBES-Daten von Refinitiv im Vorfeld von einem Umsatz von USD 62,5 Milliarden (EUR 56,1 Mrd.) ausgegangen. Nachbörslich fiel der Börsenwert der Aktien um über 2 Prozent.

Die Unsummen, die Amazon für diese Lieferoption aufwendet, zeugen für den Managing Director der Forschungsfirma GlobalData, Neil Saunders, davon, dass das Unternehmen im Konkurrenzkampf nicht unantastbar ist.

"Es ist ein notwendiges Übel", so Saunders. "Amazon besteht in einer Welt, in der viele Händler den Vorteil haben, ihren Kunden einen Same-Day-Abholservice in ihren eigenen Geschäften anbieten zu können". Diese Konkurrenten verfügen über ein deutlich breiteres Ladennetzwerk als Amazon mit der Filiale Whole Foods.

Das US-Justizministerium erklärte am Dienstag, es wolle untersuchen, ob das Unternehmen dabei ein wettbewerbswidriges Verhalten, einschließlich im Onlinehandel, annahm. CFO Brian Olsavsky wollte sich zu diesem Thema nicht äußern.

Das Umsatzwachstum von Amazon fiel zwar geringer aus als vor einem Jahr, doch widerspiegelt dies die grundlegende Veränderung von Amazons Geschäftstätigkeit. Das Unternehmen entfernt sich von margenschwachem Einzelhandel zu einem Marktplatz-Modell, auf dem es von anderen Händlern für den Zugang zum Portal und die Werbung für deren Produkte lukrative Gebühren kassiert.

Der Umsatz aus Dienstleistungen an andere Händler stieg im zweiten Quartal um 23 Prozent auf USD 12 Milliarden (EUR 11 Mrd.), mit Werbe- und anderen Absätzen verdiente das Unternehmen USD 3 Milliarden (EUR 2,7 Mrd.) – 37 Prozent mehr als in der Vergleichsperiode.

Obwohl das Unternehmen rentabel ist – Amazon verdiente im zweiten Quartal USD 2,6 Milliarden (EUR 2,3 Mrd.), wo Analysten von USD 2,8 Milliarden (EUR 2,5 Mrd.) ausgegangen waren – wird das duale Handels- und Marktplatz-Geschäftsmodell genau beobachtet.

Zu Beginn des Monats startete die Europäische Kommission ein Verfahren, um zu prüfen, ob die Verwendung der Daten anderer Händler durch Amazon dessen Gewerbeeinheit einen unfairen Vorteil verleiht, da diese in Eigenmarke alternative Versionen beliebter Produkte herstellt.
 
Im Cloud-Geschäft von Amazon verzeichnete das Unternehmen eine leichte Verlangsamung des unglaublichen Wachstums der vergangenen Jahre. Die Einnahmen stammen von Unternehmen, die Amazon für die Speicherung ihrer Daten und den Umgang mit ihren Rechenoperationen bezahlen. Der Umsatz der Abteilung Amazon Web Services stieg im zweiten Quartal um 37 Prozent auf USD 8,4 Milliarden (EUR 7,5 Mrd.). Seit 2015 lag dieser Wert systematisch über 40 Prozent.

CFO Brian Olsavsky erklärte, dass der Umsatz im vergangenen Quartal gut ausgefallen sei, doch die Verkaufszyklen je nach Migrationszeitpunkt der Kunden variierten. Auf Dollarbasis wachse Amazon "schneller als alle anderen", so der CFO.

Doch reichte dies nicht, um den Anstieg bei den für das Jahr geplanten Investitionen auszugleichen. Zusätzlich zu den schnelleren Lieferdiensten rechnete das Unternehmen im laufenden Quartal zur Vorbereitung des Weihnachtsgeschäfts erneut mit steigenden Ausgaben.

Amazon setzte auch auf spezifische Marketingaktionen, um den Umsatz anzukurbeln. Dazu zählt ein Konzert mit Popstar Taylor Swift im Rahmen des Prime Day, dem Sommerschlussverkauf des Portals.

Diese Investitionen und ähnliche Aktionen, die in Zukunft geplant werden – wie Investments in Hersteller elektrischer und Self-Driving-Fahrzeuge – zeigen, wie mühelos Amazon auf kurzfristige Profite verzichtet, um langfristige Gewinne vorzubereiten.

Jahrelang war das Unternehmen für seine achterbahnartigen Ergebnisse bekannt. Der Aufstieg des rentablen Cloud- und Werbegeschäfts beschwichtigte die meisten Investoren und die im Jahr 2017 getätigten Investitionen trugen bereits 2018 Früchte. Für das laufende Jahr wollte Amazon die Investitionen wieder intensivieren.

Insgesamt rechnet das Unternehmen für das dritte Quartal mit einem operativen Ergebnis zwischen USD 2,1 und 3,1 Milliarden (EUR 1,9 und 2,8 Mrd.). Im Vorjahr betrug dieser Wert USD 3,7 Milliarden (EUR 3,3 Mrd.). Analysten waren laut FactSet-Konsens von USD 4,4 Milliarden (EUR 4,0 Mrd.) ausgegangen.

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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