Chanel: Virginie Viard enthüllt ihre erste Kollektion

Virginie Viard stand vor einer wahrlich schwierigen Aufgabe: Im Februar trat sie in die Fußstapfen von Karl Lagerfeld bei Chanel. Am Freitag enthüllte die Designerin in Paris nun die erste Kollektion, die vollständig unter ihrer Aufsicht für das Modehaus entworfen wurde. Eine reiseinspirierte Cruise Collection 2020, die den Eindruck erweckte, eher eine Übergangsphase als einen Neustart einzuläuten.


Chanel, Cruise Collection 2019-2020 - ph Dominique Muret

Als Dekor für dieses neue Kapitel der Unternehmensgeschichte – Karl Lagerfeld war 35 Jahre lang Kreativdirektor des Hauses – wählte Chanel symbolisch einen Bahnhof. Angesichts der vielen Verweise auf das Reisen in den Kollektionen des Luxuslabels steht diese Wahl auch in engem Zusammenhang mit dem Modehaus. Und doch – die schnörkellose Ausführung des Dekors mit lediglich einer langen Bankreihe auf den Bahnsteigen, die den Blick auf die leeren Gleise freigab, war ein Bruch mit den üblichen spektakulären Inszenierungen der Marke und den gigantischen Sets, die wir uns gewöhnt waren.

Das Dekor gliederte sich hervorragend in den Kuppelraum des Pariser Grand Palais ein. Der Stil des Monuments betonte die authentisch wirkende Kulisse eines Bahnhofs aus dem 19. Jahrhundert mit altmodisch anmutenden romantischen Destinationen wie Venedig, Antibes, Bombay, Byzanz, … und mit Zugkontrolleuren in weißen Hemden und mit blauer Mütze mit der Aufschrift "Chanel Express".

Als Metapher des bevorstehenden Wandels erschien dieser zuglose Bahnhof wie eine weiße Seite, während hinter den Kulissen eine gewisse Hektik und Opulenz zu spüren waren. Vor der Show wurde das Publikum zu einem Lunch in das Café-Restaurant Le Riviera eingeladen, im vollständig nachgebauten Dekor eines echten Bahnhofsrestaurant der Belle Epoque, ähnlich wie das berühmte Restaurant "Le Train Bleu" am Pariser Bahnhof Gare de Lyon.

Das Publikum wurde anschließend durch die Seitentür der großen Glasüberdachung über eine Doppelwendeltreppe – wie im Le Train Bleu – zum Set geführt. Auch die Models kamen von der Seitentür des Restaurants im Erdgeschoß her und schritten dann den Gleisen entlang.

Auf die kulinarischen Höhepunkte folgten die modischen Leckerbissen. Den Auftakt macht eine Reihe eleganter und zugleich sportlicher Looks, mit fließenden Trenchcoats, kombiniert mit weiten und leicht gebauschten Hosen in denselben Farbtönen und weißen Blusen. Hier und da wirbelten zwischen den Aufschlägen eines Mantels Volants auf.


Virginie Viard hauchte dem Chanel-Anzug neues Leben ein - ph Dominique Muret

Schwarze Leggins mit Harlekin- oder Chanel-Aufdruck wurden mit Tweed-Jacken in knalligen Farben getragen (Pink, Grün, Kirschrot). Eine kleine gesteppte Tasche in Pink wurde mit einem Schultergurt über einem grauen Hosenanzug aus Wolle gespannt und eine gestreifte Strickjacke mit weißen Baumwollbermudas vereint.

Virginie Viard war seit 1997 Karl Lagerfelds rechte Hand. Sie kennt Chanel bis ins kleinste Detail. So definierte sie die neue Garderobe des historischen Modehauses geschickt mit kleinen Kniffen und schlichteren Silhouetten, mit zurückhaltenderen dekorativen Elementen, moderneren Schnitten, doch stets unter Wahrung der Codes von Chanel und des während über drei Jahrzehnten von ihrem Mentoren definierten Stils.

Einerseits waren klassische Chanel-Anzüge in crèmefarbenen Tönen oder auch kräftigeren Schattierungen wie Königsblau zu sehen. Sie wurden getragen zu einer mit einer riesigen Schleife versehenen Strickjacke, wobei der Rock meist sehr kurz geschnitten war. Die Designerin spielte in Röcken und Jacken aber auch mit asymmetrischen Elementen und verlieh ihren breiten Hosen fließendere Volumen.

Darüber hinaus spielte die Designerin mit asymmetrischen Kleidern und Jacken, wie auch mit fließenderen Volumen, um der Silhouette Bewegung zu verleihen. Gesehen in breiten Lederhosen mit Vorderschlitz oder seitlichen Knopfleisten, Off-the-Shoulder-Tops und Rüschenkleidern. Auf karierten Oberteilen und Abendkleidern hielten ausserdem 3D-Blumen Einzug.

Verschiedenerorts waren auf T-Shirts Zifferblätter riesiger Bahnhofsuhren zu sehen. Als Anspielung an Karl Lagerfeld fügte Virginie Viard in mehreren Looks zudem zwei emblematische Elemente des legendären Modeschöpfers ein: Handschuhe und abnehmbare weiße Hemdkrägen.
 
Die minimalistische Chanel-Kulisse    ph Dominique Muret

"Das ist eine wirklich geniale Kollektion, die für das Modehaus eine neue Ära einläutet. Sie entspricht Chanel durch und durch mit allen Codes, aber gleichzeitig bringt sie etwas ganz Neues, Schlichteres, Besonneneres. Man spürt eine neue Dynamik", freut sich Christelle Kocher. Die Designerin überblickt neben ihrem eigenen Label seit 2010 die kreative Führung des Plumassiers Lemarié, der Teil der Métiers d’Art von Chanel ist.

Stéphane Ashpool, der Designer, der hinter Pigalle Paris steckt und 2015 den Andam-Preis gewann, absolvierte sein Mentoring-Jahr bei Chanel. Er bemerkte "neben klassischeren Modellen auch einige neue Looks mit Schnitten und Volumen, die wir zuvor nicht gesehen hatten". Virginie Viard macht einen ersten Schritt, ohne zu weit zu gehen. Das Modehaus selbst zeigte sich zurückhaltend, die Trauer um Karl Lagerfelds Tod scheint noch zu frisch.
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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