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Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
05.05.2021
Lesedauer
5 Minuten
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Chanel Cruise-Show 2022 in der Carrières de Lumières-Höhle

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
05.05.2021

Das französische Volk ist seinen alten Verbündeten und Helden treu. Auch in der Mode – einer Industrie, die vom stetigen Wandel lebt. Und so führte die Verbundenheit mit vergangenen Einflüssen als roter Faden durch die am Dienstagabend enthüllte Chanel-Cruise-Show 2021/2022. Das Video der Show wurde im Innern der beeindruckenden Carrières de Lumières-Höhle im historischen Dorf von Les Baux-de-Provence gedreht.

 


Die Inspiration für diese Cruise-Collection 2022 stammte von der Freundschaft zwischen Coco Chanel und dem Dichter, Dramaturg und Filmemacher Jean Cocteau. Eine Allianz, die Hundert Jahre zurückreicht.

Daraus entstand eine Posh-Punk-Kollektion, in der die Kreativdirektorin des Hauses, Virginie Viard, zahlreiche Anspielungen auf gemeinsame Obsessionen von Coco und Jean einflocht – Tarotkarten, Astrologie, die Sprache der Symbolik und die Schönheit des Körpers.

Das Video zur Show wurde im Abendlicht vor dem Hintergrund der naturweißen Kalkwände inszeniert. Diese inspirierten bereits Cocteau, der 1960 einige Filmsequenzen seines Testaments des Orpheus hier gedreht hatte.

In einer Mischung aus Schwarz-Weiß- und Farbfilm präsentierte das Video in die Länge gezogene Hemdjacken in Kreppoptik, Jacken mit breiten Aufschlägen und fließende Hosen. Die Hosen, Cocktail-Kleider und Seidenhemden waren mit Tarotkarten-Elementen, Wellen und kleinen Sonnen bestickt.



Chanel Cruise 2021/ 2022 - Photos: Chanel - Chanel


Die Entwürfe  hatten zwar Biss und waren fein gearbeitet, doch sah nichts davon wahnsinnig cool aus. Die Posh-Punk-Version von Chanel fühlte sich ganz im Gegenteil eher verkrampft an. Darüber hinaus waren mehrere Verweise auf Madonnas frühere Jahre mit schwarz-weißen Unterhemden und T-Shirts kombiniert zu ledernen Miniröcken nicht gerade zeitgemäß. Und Viards Vorliebe für kürzere und breitere Schnitte führte besonders bei einer Reihe kristallbesetzter Kleider dazu, dass die Models visuell in die Breite gingen.

Bei den Abendlooks verbesserte sich die Stimmung merklich, mit einigen vorzüglichen Faltenkleidern und kurzen Kleider mit Marabufedern, getragen zu Netzstrumpfhosen. Sie versprühten den eleganten Stil und die stilvolle Frechheit, die mit Chanel in Verbindung gesetzt werden. Während eine Reihe von fünf Designs mit auffallendem Schwarz-Weiß-Druck – der vor der Show in einem Kurzvideo enthüllt wurde – vor Lebensfreude strotzte.

Das von Inez & Vinoodh gedrehte Teaser-Video enthielt sechs Looks der Kollektion. Sie wurden von Lola Nicon in Gabrielle Chanels berühmter Wohung an der Rue Cambon 31 in Paris getragen, um sie herum die Garderobe und Symbolik der Modeschöpferin. Das Model trug sogar ein punkiges schwarzes T-Shirt mit ihrem eigenen Gesicht darauf, während sie auf dem beigefarbenen Wildledersofa im barocken Dekor von Cocos Wohnung lag. Als Coco mit Cocteau befreundet war, wohnte sie zunächst gleich um die Ecke an der Rue du Faubourg Saint-Honoré, wo der Dichter ungestört Opium rauchen konnte, als er seiner großen Liebe nachtrauerte, dem jung gestorbenen Schriftsteller Raymond Radiguet.

Chanel Cruise 2021/ 2022 - Photos: Chanel - Chanel


Eine tiefe Freundschaft verband das ungleiche Duo. Auf der einen Seite der verwöhnte Sohn der Pariser Haute Bourgeoisie und auf der anderen eine Waise, deren Eltern vom Land stammten und als Markthändler tätig gewesen waren. Doch beide teilten denselben Ehrgeiz und hegten den Wunsch, ihr Leben unter den feinsten Künstlern ihrer Zeit zu verbringen. Ihr Sinn für Ästhetik, ihr Wertschätzung der menschlichen Figur und ihre Bewunderung für das Sonnenbaden – wobei die Bräune zuvor ein Abbild ländlicher Armut war – machten sie zu Seelenverwandten. Cocteau ermutigte Chanel auch dazu, mit Zeitgenossen wie Pablo Picasso und Igor Stravinsky zu arbeiten, wodurch er ihre Kreativität erweiterte.

Wie viele andere Designer – und Cocteau selbst – war Chanel abergläubisch. Chanel las Cocteaus Tarotkarten und er las ihr aus der Hand. Die ersten Kostüme für Jean entwarf Coco für seine Version der Antigone. Ein Look fiel so streng aus, dass ein Kritiker die Schauspielerin mit einem "griechischen Samurai" verglich. In Cocteaus Bühnenaufführung von Orpheus im Jahr 1926 stattete Chanel die Figur des Todes mit einem rosafarbenen Chiffon-Ballkleid und Chinchillamantel aus.

Ein Hauch dieser klugen Chuzpe wäre auch in der jüngsten Cruise Collection willkommen gewesen.


Chanel Cruise 2021/ 2022 - Photos: Chanel - Chanel


Doch ein späteres Werk, Le Train Bleu; erzielte sicherlich eine größere Wirkung. In wenigen berühmten Sätzen gab Cocteau der Couturière folgenden Auftrag: "Die Kostüme müssen die Eleganz selbst sein, ohne Anflug von Theatralik. Das Ballett muss modisch sein, es muss genau richtig sein. Man kann Fashionistas nicht bei der Mode täuschen". Wie wahr. Das Ergebnis: Strandkleider für Schwimmer, viele Sonnenbrillen, Tennisspieler in weißer Wolle und ein Golfer im Prince of Wales-Blazer in der Operette.

Ein Hauch dieser Ideen war auch in der neuen Cruise Collection vorhanden, in den schicken Marine-Looks und Segeljacken.

Bezeichnenderweise ergänzte der Dichter in seinem Brief an Chanel: "Das Ballett dürfte in Jahresfrist aus der Mode kommen und ein Abbild von 1924 bleiben". Im heutigen Fall ist es wahrscheinlicher, dass in Jahresfrist die Mode aus der Mode kommen wird.

Letztendlich wurde der verarmte Cocteau – der sich weigerte, seine reiche Mutter um Hilfe zu bitten – von Chanel für seine literarischen Talente gut bezahlt. Sie ließ ihn Pressemitteilungen und Interviews umschreiben und zog ihn auch bei der Gestaltung ihrer Boutique an der Rue Cambon zu Rate.


Chanel Cruise 2021/ 2022 - Photos: Chanel - Chanel



Das Haus arbeitet weiterhin mit neuen Talenten. Eines der Vermächtnisse von Karl Lagerfelds Zeit ist, dass Chanel als Marke eng mit Illustration verbunden wird. Dieses Jahr wurde der begabte junge Brite Luke Edward Hall beauftragt, das in der Show gezeigte Aufeinandertreffen von Cocos Mode und Cocteaus Zentaur zu illustrieren.

Das Konzert nach der Show dürfte hingegen von kaum jemanden als erfrischend bezeichnet werden. Unter der Federführung von Sebastien Tellier, einem alten Bekannten des Hauses, der bereits in Lagerfelds Schauen für Chanel performt hatte, war eine charmante Neuinterpretation von Marvin Gayes klassischem Song Sunny zu hören. Dazu ein kurzer Auftritt von Charlotte Casiraghi von Monaco. Es war bestimmt reiner Zufall, dass meine Gedanken dabei zur Rezension des amerikanischen Rock-Kritikers David Hiltbrand wanderten, der das zweite Album ihrer Tante Prinzessin Stéphanie wie folgt beschrieb: "Auf diesem Album singt sie über das, was sie am besten kennt: den VIP-Bereich in Nachtclubs rund um die Welt. Nein, Entschuldigung bitte: Sie singt über L’Amour. Toujours l’amour. Und wer könnte dies besser als die Frau, die den königlichen Rekord im Fröscheküssen aufgestellt hat? Ja, wer? Nun, vielleicht jemand mit einer Stimme, die sich leidenschaftlich anhört oder jemand mit einem Sinn für Formulierungen. Es ist zwar keine demütigende Angelegenheit. Aber doch eine Peinliche. Oh, Stéphanie trifft zwar die richtigen Töne, aber leider ohne jegliche Überzeugung oder Tiefe".

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