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Chanel: Von ungeladenen Gästen und frischer Weiblichkeit

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
today 01.10.2019
Lesedauer
access_time 3 Minuten
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Die jüngste Chanel-Show fühlte sich an wie eine Szene aus einem großen Klassiker, einem Spionagefilm oder einer Liebeskomödie, die sich über den Dächern von Paris abspielt. Das mit zahlreichen Darstellerinnen bestückte Set wurde sogar von einem ungeladenen Gast gestürmt. Die Hauptrolle kam indes Gigi Hadid zu, die Harrison Fords Rolle in Polanskis Pariser Gaunerkomödie Frantic nachspielte.


Chanel - Frühjahr/Sommer 2020 - Womenswear - Paris - © PixelFormula


Unter Druck bewies das Star-Model Mut und hinderte eine verrückte Frau in einem Karoanzug und Hut im Chanel-Stil daran, das Finale der Show zu stürmen. Die Frau wurde später verschiedenen Quellen zufolge als die Komödiantin und Youtuberin Marie S’Infiltre (z. Dt.: "Marie Undercover") identifiziert. Gigi Hadid ließ sie nicht aus den Augen und konfrontierte sie, indem sie sie sanft aber entschieden vom Catwalk drängte, bis das Security-Team einsprang.
 
Die gezeigte Frühjahr-/Sommerkollektion 2020 war die dritte, die Virginie Viard für Chanel entworfen hat, seit sie im Februar 2019 die Nachfolge von Karl Lagerfeld antrat. Es war zweifellos ihre erfolgreichste Kollektion, und es gelang ihr, den Entwürfen eine jugendliche Dosis Weiblichkeit und Gelassenheit einzuflößen.


Chanel - Frühjahr/Sommer 2020 - Womenswear - Paris - © PixelFormula


Die Eröffnungslooks umfassten klassische Chanel-Zweireiher aus Tweed, unerwartet mit Hotpants kombiniert. Sehr lässig, zumal die Models auf dem Laufsteg die Hände in die Hosentaschen steckten und mehrheitlich flache Schuhe trugen. Tweeds und Bouclé-Stoffe neckten mit fröhlichen, bunten Karomustern.

Selbstbewusst entwarf Virginie Viard auch eine frische neue Silhouette, mit Rüschen auf Taillenhöhe und Röcken oder Hosenröcken, wie bei verschiedenen Wollanzügen und Partykleidern. Die Kreativdesignerin wechselte schließlich zu Schwarz just als sie ein perfekt geschnittenes Mantelkleid auf den Laufsteg schickte, kombiniert mit einem Strohhut im kecken 45-Grad-Winkel.

Vielleicht entfalteten nicht alle Looks ihre Wirkung – wie die Jeans-Flamenco-Hemden und ein Quartett von Logoprint-Kleidern – doch machte sich ein großartiges Gefühl einer Designerin breit, die die Grenzen ihres Schneiderateliers auslotet. Einer Designerin, die ihre eigenen Grenzen auslotet.


Chanel - Frühjahr/Sommer 2020 - Womenswear - Paris - © PixelFormula



Dieses Gefühl wurde von Gigi Hadid im mit Pailletten besetzten Mini-Bolero und mit goldener Logokette gezierten Hotpants noch betont. Zu diesem Zeitpunkt, auf ihren Glanzleder-High Heels gehend, konnte sie noch nicht ahnen, dass sie wenige Minuten später eine dynamischere Rolle übernehmen würde – um die Show zu retten, bevor sie zu einer Farce verkam.

Obwohl das Casting alle modernen Topmodels umfasste, schien die Auswahl witziger, jünger, gar jugendhaft. Durch und durch haftete der Show das Gefühl einer jungen Frau an, die sich mit Freude ankleidet, um einen neuen Tag in Angriff zu nehmen.

Die Idee des riesigen Sets kam Virginie Viard, als sie aus dem Chanel-Studio an der Rue Cambon über die Stadt blickte. So umfassten die Kulissen auch ein Abbild von Dachgiebeln, Kaminen und Mansarden. Sie ging zudem sehr behutsam mit der DNA von Chanel um und spielte mit Coco Chanels einzigartiger Mischung aus Unabhängigkeit und Luxus, Eleganz mit einem Hauch französischer Unverschämtheit.


Chanel - Frühjahr/Sommer 2020 - Womenswear - Paris - © PixelFormula


"Ich dachte intensiv an Paris, und was versinnbildlicht Paris besser als seine Dächer? Außerdem haben wir die Chance, den Grand Palais zu haben, wieso also nicht ein großartiges Set mit kinematografischem Sinn entwerfen? Vor meinem inneren Auge sah ich Kristen Stewart, aber auch Jean Seberg", erklärte die Kreativdesignerin beim Verlassen der Show.
 
Ohne Menschentraube um sie herum, schlüpfte sie klammheimlich mit einem Begleiter aus dem Raum, von allen unbemerkt, aus der Eingangstüre des Grand Palais. Sie ist vielleicht keine Designerin, die Rockstar-ähnliche Medienaufläufe auslöst, doch hat sie ihre Arbeit mit Bravour gemacht und eine sehr überzeugende Kollektion geliefert.
 
Karl wäre zufrieden gewesen.

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