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Chanel: Wie geht es weiter nach Karl Lagerfeld?

Übersetzt von
Felicia Enderes
Veröffentlicht am
today 20.02.2019
Lesedauer
access_time 5 Minuten
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Tief getroffen vom Tod Karl Lagerfelds, der 35 Jahre lang Image und Design der Marke verantwortete, ließ Chanel keine Zeit für Zweifel oder Gerüchte. Mit der sofortigen Ernennung von Virginie Viard, Direktorin des Modedesignstudios von Chanel und rechte Hand des deutschen Modeschöpfers, sendete das Pariser Luxushaus eine sehr klare Botschaft an die Welt. In unmittelbarer Zukunft wird die Kontinuität entsprechend dem Erbe von Gabrielle Chanel und Karl Lagerfeld fortgeführt.

Virginie Viard und Karl Lagerfeld am Ende der Show im vergangenen September - © PixelFormula

 
Offensichtlich hatte die Marke, die zu einem der mächtigsten Akteure auf dem Luxusmarkt geworden war, die Nachfolge in Abstimmung mit Karl Lagerfeld vorbereitet. Dies fand sogar vor den Augen aller statt, als der Designer im vergangenen September zum letzten Mal das Publikum begrüßte, am Ende der Show für Frühjahr/Sommer 2019, begleitet von Virginie Viard. Als Leiterin des Kreativstudios trat letztere am 22. Januar sogar alleine auf, am Ende der Haute Couture Show, in Abwesenheit von Karl Lagerfeld.

Die Marke nutzte diese Gelegenheit, um in einer Pressemitteilung die Stärke und Solidität des Teams um ihren künstlerischen Leiter hervorzuheben. "Virginie Viard, als Direktorin des Kreativstudios, und Eric Pfrunder als Direktor von Chanels Image, unterstützen ihn weiterhin und begleiten die Kollektionen und Imagekampagnen der Marke."

Die neue Kollektionsleiterin, die bisher im Schatten von Karl Lagerfeld lebte, arbeitete an der Seite von "König Karl", erweckte dessen Kreationen zum Leben und koordinierte als virtuose Dirigentin alle Teams. Als große Bewunderin des Couturiers wurde sie zu seiner engsten Mitarbeiterin und arbeitete drei Jahrzehnte lang mit ihm zusammen. Sie lernte ihn 1987 kennen, als sie gerade bei Chanel als Praktikantin in der Haute Couture-Stickerei angefangen hatte. Einige Jahre später nahm der Designer sie mit zu Chloé, wo er seit 1966 künstlerischer Leiter war, bevor er sie 1997 zurück in das ehrwürdige Haus brachte, um das Studio zu leiten.
 
Unter der Leitung von Virginie Viard an der Spitze der Kollektionen wird Chanel wohl kaum ein Szenario im Gucci-Stil erleben, bei dem sich seine Ästhetik nach dem Wechsel an der kreativen Spitze radikal verändert hat – mit  Alessandro Michele, der damals die rechte Hand der Kreativdirektorin Frida Giannini war. Wie er hat auch Chanels neue starke Frau ein tiefes Wissen über das Unternehmen, die Produktionsmechanismen und den gesamten Kreativprozess. Aber im Gegensatz zu Guccis Situation im Jahr 2015 geht es Chanel derzeit ausgezeichnet und es braucht keine aufsehenerregende Veränderung.
 
Das Modehaus in der Rue Cambon hat in den letzten zehn Jahren eine solche Stärke erlangt, dass es im vergangenen Jahr erstmals seine finanzielle Performance offenlegte. Mit einem Umsatz von 8,3 Milliarden Euro im Jahr 2017 steht die Marke heute im Wettbewerb mit den größten – wie Gucci mit 8,28 Milliarden Euro im Jahr 2018 oder Louis Vuitton, dessen Umsatz auf über 10 Milliarden Euro geschätzt wird, ganz zu schweigen von Hermès mit knapp 6 Milliarden Euro.

Was die Rentabilität betrifft, so stieg das operative Ergebnis 2017 um 22,5 % auf 2,69 Milliarden US-Dollar bei einer operativen Marge von 28 %, während der Reingewinn bei 1,79 Milliarden US-Dollar (1,54 Milliarden Euro) lag, was einer Steigerung von 18,5 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Das Unternehmen verfügte zudem über einen freien Cashflow von 1,63 Milliarden US-Dollar (+5,7 %), verglichen mit Nettofinanzschulden von 18 Millionen US-Dollar Ende 2017.

Im Jahr 2017 hat die Gruppe darüber hinaus ihre Strukturen gestrafft und vereinfacht und die meisten globalen Funktionen des Unternehmens von New York nach London verlagert. Bei dieser Gelegenheit wurde die Holdinggesellschaft Chanel Limited gegründet, die heute die meisten operativen Bereiche von Chanel leitet. Die beiden Brüder Alain und Gérard Wertheimer, die zu 100 % Aktionäre des Unternehmens sind, sind im vergangenen Jahr aus dem Vorstand ausgeschieden, Alain ist weiterhin Geschäftsführer, Bruno Pavlovsky leitet das Modegeschäft.

Chanel, ein Look von Karl Lagerfeld für Frühjahr/Sommer 2019 - © PixelFormula


Karl Lagerfeld, der von den Gebrüdern Wertheimer aufgefordert wurde, die schlafende Schönheit zu wecken, erfüllte seine Mission über alle Erwartungen hinaus und verwandelte das 1910 von Coco Chanel gegründete Unternehmen in eines der profitabelsten auf dem Markt und machte es mit seinen mehr als 32 Millionen Abonnenten auf Instagram zu einer der einflussreichsten französischen Marken. Mit Geschick hat der "Kaiser" den Stil des Hauses verjüngt und modernisiert, mit seinen charakteristischen Merkmalen gespielt und sie verändert, bis hin zur tiefen Verkörperung seiner Visionen.
 
"Es wird offensichtlich sehr schwierig sein, das Erbe, das Karl Lagerfeld hinterlassen hat, weiterzuführen, da er das Haus mehr als nur geprägt hat. Im Laufe der Jahre ist es ihm gelungen, die tadellose Kohärenz mit Chanel zu bewahren und gleichzeitig zu modernisieren. Auch wenn die Aktivitäten der Gruppe sehr vielfältig sind, insbesondere in den Bereichen Kosmetik und Parfums, ist die Marke weltweit bekannt und vor allem durch einige wenige ikonische Produkte, wie z.B. gesteppte Taschen, die eng mit dem Stil des Designers verbunden sind, erkennbar", betont Emanuela Prandelli, Leiterin des LVMH Associate Professorship Program an der Mailänder Universität Bocconi, die sich dem Management in Mode und Luxus widmet.
 
"Virginie Viards Entscheidung, ihm nachzufolgen, wird dazu beitragen, die Identität der Marke zu bewahren, aber die Marke steht vor einer großen Herausforderung. Diese besteht darin, einen Weg zu finden, das neue Kapitel in der Unternehmensgeschichte in einem Kontext kontinuierlicher Innovation zu schreiben. In einer Welt wie der Mode, die zu Exzessen und Eklats neigt, hat die Marke ihre Beständigkeit bis heute bewahrt. Aber man darf nicht vergessen, dass die Branche, die sich in ständiger Bewegung befindet, nach Neuheiten verlangt", analysiert sie.
 
Ein heikler Wendepunkt für die Luxusmarke, der sich als weiterer Antrieb für deren Entwicklung erweisen oder im Gegenteil eine von kritik geprägte Phase hervorrufen könnte. In diesem Zusammenhang ist die Beförderung von Virginie Viard neu zu bewerten. Diese Ernennung sei nach Ansicht mehrerer Beobachter nur vorübergehend. Die Designerin, die für die Bewältigung einer notwendigen Übergangszeit nach dem Tod des Star des Hauses verantwortlich sein wird, könnte schließlich ihre Position an einen externen Designer abgeben, der für neue kreative Energie in der Rue Cambon sorgen soll. Phoebe Philo, die ehemalige künstlerische Leiterin von Celine, war einer der Namen, die in letzter Zeit im Gespräch waren. Fortsetzung folgt.

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