Chanels Bücherwurm: Elegant und sexy

Es weht ein neuer Wind bei Chanel, sowohl in der Designabteilung als auch auf dem Runway. Die neue Chanel-Frau setzt auf Köpfchen, trägt zu Modeschauen Lesebrillen und scheut alles, was zu frivol erscheint.
 

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Chanel - Herbst/Winter 2019 - Haute Couture - Paris - © PixelFormula


Mit ihrem Couture-Debüt für Chanel und ihrer zweiten Show insgesamt nach der Enthüllung der ersten Cruise Collection Anfang Mai entführte Virginie Viard das Publikum in eine riesige Büchersammlung. Im Lieblingsgebäude des Modehauses – dem Pariser Grand Palais – richtete sie eine trommelförmige dreistöckige Bibliothek ein.

Das Publikum saß auf eleganten gepolsterten Tribünenplätzen in der Mitte des Raumes und wartete geduldig, während die VIP-Gäste Platz nahmen. Margot Robbie löste dabei ein regelrechtes Blitzlichtgewitter aus.

Den Auftakt bildeten unbestreitbar elegante Eröffnungslooks: Eine Reihe perfekt geschnittener Überzieher und beiger Mantelkleider mit Seitenschlitz und großen Perlenknöpfen. Aber auch optimal geschnittene Anzugshosen mit Boleros und eine kleine Auswahl an pfiffigen Anzügen – mit Rocklängen weit über dem Knie und Jacken mit Schafswollärmeln in Primärfarben.

Bei Chanel hat sich also bereits die neue selbstsichere Silhouette von Viriginie Viard durchgesetzt, die die Mode auf ihre eigene Art beeinflussen wird. Nach ein paar Jahrzehnten an der Seite von Karl Lagerfeld verströmt Viards Mode unweigerlich Autorität und Chanel-DNA.



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Chanel - Herbst/Winter2019 - Haute Couture - Paris - © PixelFormula

Für den Abend gestaltete Virginie Viard statuenhafte Säulenkleider mit schwarz-weißem Karomuster, einige davon mit gerüschten Ausschnitten wie sie Katharina von Medici trug und wie sie Coco Chanel liebte. Der Geist dieser Renaissance-Königin war in einigen wirklich wundervollen Ideen ersichtlich. So eine zweireihige Jacke, die in ein bodenlanges knallrotes Kleid überging, aber auch mehrere prächtige Tuxedo-Kleider mit unglaublicher Klasse.

Die ganze Kollektion war vorzüglich gefertigt und oftmals wunderbar, aber unter dem Strich vielleicht etwas zu ernst.

"Give me a reason to love you" (z. dt.: Gibt mir einen Grund, dich zu lieben), dröhnte Portishead auf dem starken Soundtrack und es fühlte sich fast so an, als ob das Publikum eben dies von der Designerin verlangte.

Denn obwohl "la Mode" beeindruckend war, kam das Gefühl auf, als sei der frühere Zauber der Marke abhandengekommen.
 
Das prachtvolle Set war mit Tausenden von Romanklassikern bestückt. Doch stellte man sich unwillkürlich vor, wie sehr sich Karl Lagerfeld mit diesem Ansatz amüsiert und sich Titel zu imaginären Coco Chanel-Biografien ausgedacht hätte, um die Regale zu füllen. Die winzigen Details fühlten sich alle irgendwie nicht ganz richtig an, von den eher tristen Louis XIV-Sofas unter den Bücherschränken bis hin zur etwas zu einfachen Einladung. Und manch einer fragte sich verwundert, wo die Logos geblieben sind.



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Chanel - Herbst/Winter2019 - Haute Couture - Paris - © PixelFormula

 
Stirnrunzeln verursachte am Wochenende auch die Tatsache, dass das höchst rentable und traditionell großzügige Haus ein Privatkonzert für die Freunde und Familie einer Markenbotschafterin – Vanessa Paradis – im Konzertsaal Olympia organisierte. Die Gäste erhielten am Eingang ein Ticket für ihre Getränke in die Hände gedrückt. "Was für ein Faux-pas!", entrüstete sich ein Moderedakteur mit angehobener Augenbraue und so bestürzt nach unten gerichteten Mundwinkeln, wie es nur ein echter Franzose kann.

Chanel stellt sich wie alle großen Modehäuser gerne als Ermöglicher von Träumen vor, ein Geschichtenerzähler dessen wunderschöne Produkte ein Leben verändern können. Doch wie alle großen Couture-Häuser von Paris ist es auch eine gut geölte Maschine. Und die jüngste Kollektion war zweifellos eine polierte, plausible Kollektion.

Virginie Viard verneigte sich zu mitreißendem Applaus und die beiden Inhaber des Modehauses, Alain und Gerard Wertheimer – die zurückhaltendsten Markenchefs von ganz Paris – sprangen auf und applaudierten mit.

Unweigerlich werden jedoch Fragen zur langfristigen Zukunft des Hauses aufkommen. Modehäuser gleichen dahingehend Fußballmannschaften: Wenn ein legendärer Designer oder preisgekrönter Manager die Szene verlässt, steht sein Nachfolger vor einer riesigen Herausforderung. Für diejenigen, die Fußballfans sind, lautet die Frage also, ob Virginie Viard der neue David Moyes oder eher der neue Pep Guardiola wird …

 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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