Das Comeback der größten Rivalität der Haute Couture – Chanel vs. Schiaparelli

In Robert Altmans Modefilm "Prêt-à-Porter" wird die Pariser Haute Couture als "eine müde Angelegenheit" beschrieben. Kein Wunder war der Film ein Flop – trotz der hochkarätigen Besetzung mit Julia Roberts, Marcello Mastroianni und Sophia Loren. Auf der Film-Datenbank IMDb wird er gerade mal mit 5,1 von 10 Punkten bewertet.


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Schiaparelli - Frühjahr/Sommer2019 - Haute Couture - Paris

Denn in keiner Form kommt gehobener Stil besser zum Ausdruck und nirgendwo werden brillantere Versuche mit wirklich neuen Ideen gestartet als in den Haute Couture-Kollektionen. Das neue Schauenprogramm startet am 30. Juni in Paris und wartet mit mehreren nennenswerten Couture-Debüts aber auch altbekannten Rivalitäten auf.

Letzteres gilt besonders für die Luxushäuser Chanel und Schiaparelli, deren Gründerinnen Coco und Elsa in ihrer Blütezeit legendäre Rivalinnen waren. Bei Chanel gibt die langjährige rechte Hand Lagerfelds, Virginie Viard, ihr Couture-Debüt. Und für Schiaparelli tritt in Paris erstmals der gebürtige Texaner Daniel Roseberry an.

Nachdem das Schauenprogramm in den 80er und 90er Jahren während über einer Dekade auf ein halbes Dutzend wichtige Shows reduziert wurde, gehen in dieser Saison laut dem offiziellen Kalender des französischen Dachverbands der Haute Couture-Schauen 36 Marken an den Start. Dazu kommen noch fast ebenso viele Events am Rande der Modewoche.

Die Veranstaltung dauert fünf Tage und endet am Donnerstag, 4. Juli mit einem speziell für die Haute Joaillerie reservierten Tag. Das Programm ist dichtgedrängt, und das obwohl zahlreichen Designern die Teilnahme verwehrt wurde.

Denn eine offizielle Aufnahme in die Haute Couture-Sphären ist in etwa mit der Berufung eines Kardinals in den Vatikan gleichzusetzten. Um Zugang zu erhalten, muss ein Designer von einem bestehenden Mitglied vorgeschlagen und dann von allen führenden Mitgliedern einstimmig angenommen werden.

Es gibt nur 15 ordentliche Mitglieder, darunter altehrwürdige Häuser wie Chanel, Christian Dior, Givenchy und Schiaparelli. Daneben gibt es gerade einmal sieben korrespondierende Mitglieder, hauptsächlich nicht aus Frankreich stammende Nachwuchsmarken, wie Ulyana Sergeenko aus Russland; Ralph & Russo mit Sitz in London; die niederländische Designerin Iris Van Herpen und Guo Pei aus China. Zählt man dazu noch ein kleines Dutzend unabhängiger Häuser, die ihre Kollektionen meist in den Botschaften ihrer Länder in Paris zeigen, gibt es insgesamt knapp 50 Couture-Häuser – im Vergleich zu 220 scharlachroten Kardinalshüten in Rom.

Der Auftakt erfolgt am Montagmorgen mit dem mit Spannung erwarteten Debüt von Daniel Roseberry bei Schiaparelli. Der Designer war zehn Jahre lang Kreativdirektor der Menswear- und Womenswearkollektionen des Flanell-Konzeptualisten Thom Browne in New York. Seine Berufung an die kreative Spitze von Schiaparelli, dem surrealistischsten Modehaus der Haute Couture, war eine überraschende Wahl. Dem italienischen Luxus-Milliardär Diego della Valle, dem das Modehaus gehört, kann zumindest nicht vorgeworfen werden, eine mutlose Wahl getroffen zu haben. Der 33-jährige amerikanische Designer hat online mehrfach Fotos von sich mit einem knurrenden Plüschtiger am Hauptsitz des Hauses an der Pariser Place Vendôme veröffentlicht.

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Chanel - Cruise Collection 2020 - Womenswear - Paris

Auch Elsa Schiaparellis größte Rivalin, Coco Chanel, wird von einer neuen Kreativdirektorin geführt: Virginie Viard gibt am darauffolgenden Tag ihr Haute Couture-Debüt. Drei Monate nach Karl Lagerfelds Tod im Februar hat seine ehemalige rechte Hand im Mai bereits ihr Solo-Laufstegdebüt für Chanel gegeben mit einer Cruise Show im Pariser Grand Palais, die durch ihre Tragbarkeit beeindruckte und vielleicht durch ihre zurückhaltende Präsentation überraschte.

Angesichts der harten Konkurrenz zwischen Elsa und Coco und der Tatsache, dass sich Chanel zur stilvollsten Modemarke der Welt entwickelt hat während Schiaparellis Modehaus nach ihrem Tod ein halbes Jahrhundert lang geschlossen blieb, werden Vergleiche nicht zu vermeiden sein.

Diego della Valle erwartet auch bei seinem Hauptumsatzbringer Tod's ein großes Debüt: Alber Elbaz kehrt drei Jahre nach seiner Entlassung bei Lanvin ins Rampenlicht zurück. Am Dienstag enthüllt der Designer in der Mittagszeit seine erste Capsule Collection: Tod's Happy Moment. Und etwas später am Abend steigt eine Riesenparty.

Ebenfalls mit Spannung erwartet wird das Debüt von Julie de Libran. Die beliebte französische Designerin verließ vor Kurzem das Modehaus Sonia Rykiel und präsentiert nun ihre erste Prêt-à-porter-Kollektion in ihrer Wohnung am linken Seine-Ufer. Das Schauenprogramm startet ironischerweise mit einer weiteren Prêt-à-porter-Kollektion von Miu Miu. Miuccia Prada plant eine Show, ein Abendessen und eine Afterparty, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Zum Rahmenprogramm zählen auch eine neue Ausstellung am Hauptsitz der Marke des verstorbenen Designers Azzedine Alaia, eine Signierstunde mit Olivier Theyskens, ein Cocktail des unvergleichlichen belgischen Taschenlabels Delvaux, eine Präsentation von Olivier Saillards Kollektion für Moda Provera – eine Couture-Hemden-Kollektion, eine Überraschungsshow von Acne Studios, die Show des japanischen Designers Yuima Nakazato mit "Neuen Materialien", die jüngste Birkenstock-Collab "Il Dolce Far Niente" mit der angesagtesten Hotelière Europas, Marie-Louise Scio, die soeben das berühmte Mezzatorre-Hotel in Ischia wiedereröffnet hat und ein cooler Eröffnungsabend des Modedachverbands im Centre Georges-Pompidou.

Und das ist lediglich das Sonntagsprogramm – das hört sich nun ganz und gar nicht nach einer müden Angelegenheit an.        
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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