Elie Saab: Der phönizische Couturier

Nur wenige Designer sind für ihr Herkunftsland und dessen Kultur so bedeutend wie Elie Saab. Den Designer in seiner Heimat Libanon einen Rockstar zu nennen ist eine Untertreibung. Er ist schon fast zu einer kulturellen Institution aufgestiegen, indem er die phönizische Kreativität im internationalen Modeuniversum etablierte.


Elie Saab an seinem Arbeitstisch in Beirut - FashionNetwork

Der Name Elie Saab ziert in Beirut zahlreiche Werbetafeln und auch in den libanesischen Tageszeitungen hat das Unternehmen seinen angestammten Platz, sei es nun in arabischen, französisch- oder englischsprachigen Publikationen. Die Entwürfe des Designers spiegeln den einzigartigen Schmelztiegel der Kulturen des Landes wieder. Die Geschichte des Libanon ist 7000 Jahre alt und umfasst Levantiner, Assyrer, Römer, Kreuzritter, Ottomanen, Venezianer und Franzosen.

Dieser Beschreibung entspricht auch der elegante Hauptsitz des Unternehmens, ein konkaves Travertingebäude im rationalistischen Stil, das aussieht, als stamme es aus dem Rom der 30er Jahre. In Elie Saabs Büro steht auf einem eleganten modernistischen Tisch eine perfekt gearbeitete phönizische Marmorstatue neben zwei antiken Vasen im Stil Napoleon III.


Der Elie Saab Hauptsitz in Beirut - FashionNetwork

Elie Saab hat mit seiner stets elegant gekleideten Frau Claudine drei Söhne, die bereits ins Familiengeschäft eingestiegen sind. Sie verbringen ihre Zeit in Beirut, in den libanesischen Bergen, der Schweiz und Frankreich. In Beirut wohnen sie in einem ottomanischen Gebäude mit riesigen venezianischen Kronleuchtern und einem ruhigen Garten, in dem nur das Geplätscher des antiken Brunnens in dessen Mitte zu hören ist.

Beim Mittagessen mit Elie Saab kann es hingegen sehr hektisch zu und her gehen. Von sieben Tischen standen Menschen auf, um ihn zu grüßen, als er in der Beiruter Innenstadt aus dem französisch-libanesischen Restaurant Balthus trat. Das Quartier stand früher sinnbildlich für urbane Zerstörung, nun erstrahlt es mit riesigen Gebäuden der Architekten Norman Foster und Herzog und De Meuron, weiter sind Projekte von Zaha Hadid und Renzo Piano in Planung.


Elie und Claudine Saab mit Freunden im Restaurant Balthus - FashionNetwork

Am Tag nach einer brillanten Salon Couture Show im wundervollen ottomanischen Herrenhaus des französischen Botschafters, der Résidence des Pins, sprachen wir mit dem 54-jährigen Designer darüber, wie man Couturier wird, seine Präsenz auf dem roten Teppich, die Errichtung eines Modeimperiums und was den einzigartigen Autodidakten antreibt.

FashionNetwork.com: Sie werden oft als grandioser orientalischer Designer bezeichnet. Fühlen Sie sich dadurch eingeschränkt?
 
Elie Saab: Ich habe mich selbst nie als als orientalisch betrachtet. Wenn man im Libanon aufwächst, ist man automatisch Kosmopolit und nicht Araber, Europäer usw., sondern eine einzigartige Mischung aus so vielen Kulturen. Das macht unseren Charme und Geist aus.

FNW: Was waren Ihre ersten Schritte auf dem Weg zum Designer?

ES: Schon seit ich 9 Jahre alt war, wollte ich etwas mit meinem Talent und meiner Vorstellungskraft kreieren. Ich entdeckte, dass mir der Zuschnitt von Stoffen gut lag, wie auch die Erstellung von Designs. Während des Bürgerkriegs (1975 – 1990) mussten wir als Familie aus unserer Heimat flüchten, mein Vater war krank. Da wurde mir klar, dass ich Geld verdienen musste, um meine Familie zu ernähren und meine Geschwister großzuziehen. Zunächst kleidete ich meine Schwestern ein, dann Cousins und Nachbarn, die Wirkung der Mundpropaganda war beeindruckend.

Mit 18 Jahren wusste ich, dass ich die Arbeit ernster angehen musste, so eröffnete ich 1982, mitten im schlimmsten Kriegsjahr, mein erstes Atelier. Mein Eröffnungslook war ein traditionelles libanesisches Kleid gepaart mit einem riesigen Umhang mit der libanesischen Flagge. Darauf folgten rund 40 Looks. Am Tag darauf war das Bild überall. Nicht auf der Titelseite, sondern auf der letzten Seite jeder Tageszeitung des Libanons.

FNW: Sie waren also sehr jung, als Sie berühmt wurden?

ES: Ich habe dem Libanon in einer besonders schwierigen Zeit neuen Glamour und Stolz gebracht. Doch nach einer Weile wurde mir klar, dass ich eingeengt war und ein größeres Spielfeld brauchte.

FNW: Wann entschlossen Sie sich dazu, nach Europa zu kommen?

ES: Ende der 70er Jahre war offensichtlich, dass ich meine Heimatregion gesättigt hatte. So brachte ich meine Show 1995 nach Rom, wo ich sechs Kollektionen zeigte. Doch kam die internationale Presse nicht nach Rom, deshalb musste ich nach Paris. Ich gebe zu, ich hatte großen Respekt vor Paris, doch nachdem ich meine Möglichkeiten in Rom ausgeschöpft hatte, musste ich es einfach versuchen. So begann ich im Januar 1999, Couture in Paris zu zeigen. So weit so gut, aber Sie wissen genau so gut wie ich, dass die Franzosen immer etwas zu kritisieren haben …

FNW: Sie wurden im Jahr 2002 gewissermassen in den Zenit der Modeschöpfer katapultiert, als Halle Berry bei der Oscarverleihung Elie Saab trug. Stimmt das so?

ES: Zurückblickend war Halle erst ein aufgehender Stern und noch kein Superstar, als sie 1996 in unserem Ableger in LA einen "Coup de foudre" für dieses Kleid hatte. Und sie trug es!

Alle waren begeistert, nur die Franzosen empfanden es natürlich als Affront, als Red Carpet-Designer betitelt zu werden. Doch ich bin sehr stolz darauf. Den Franzosen fehlt manchmal der Überblick über das ganze Bild.

FNW: Der rote Teppich ist für Sie also sehr wichtig?
 
ES: Ich weiß nicht, ob ich das so sagen darf, doch für mich hat man hier echte Frauen vor sich. Eine großartige Schauspielerin auf dem roten Teppich ist keine Runway-Gestalt mit endlosen Beinen. Mir wurde bewusst, dass Schauspielerinnen die Kleider nicht immer perfekt tragen können und dass man das manchmal nicht beeinflussen kann.

FNW: Wie wichtig ist das Ready-to-wear-Konzept in Ihrem Geschäft?

ES: RTW ist drei Mal so bedeutend wie Couture, dennoch ist und bleibt die Haute Couture für unser Modehaus entscheidend. Es wird immer Frauen geben, die Couture wollen, ein bestimmter Typ Frau, der auf Einzigartigkeit pocht und Couture immer lieben wird. Es ist ein anderes Gefühl. Wir haben junge Russinnen, Chinesinnen und Amerikanerinnen unter unseren Kunden. Wir haben Ableger in London, Paris und Beirut, um sie zu bedienen, und haben dort immer alle Hände voll zu tun. Ein großes Team arbeitet für mich, im Atelier zwei Stockwerke weiter unten sind über 50 Personen beschäftigt.

FNW: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus, für eine Menswear-Kollektion, Herr Saab?

ES: Im kommenden Jahr stehen viele Ankündigungen an. Ein Partnerschaftsabkommen ist fast unter Dach und Fach. Wir werden an zahlreichen Projekten arbeiten, in erster Linie die Menswear. Heute sind wir in rund 200 Verkaufsstellen weltweit präsent. Doch in zehn Jahren möchten wir mindestens zehn Mal so groß sein, so Gott will. Ich bin überzeugt, dass uns dies gelingen wird.
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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