Erfreuliche Dynamik an den Pariser Messen

Im Vorfeld der Pariser Januar-Messen waren die Veranstalter doppelt besorgt: Sie befürchteten zunächst die möglicherweise abschreckende Wirkung der anhaltenden Proteste der Gilets-Jaunes-Bewegung auf Käufer im In- und Ausland. Außerdem stellte sich die Frage, ob die wirtschaftlichen Auswirkungen der vergangenen Wochen auch einen Einfluss auf die Besucherzahlen an den verschiedenen BtoB-Events während der Fashion Week in Paris haben könnten.


Palais de la Bourse, Januar 2019 - Tranoï/Instagram
 
Insgesamt wurden in Paris vor, nach und während des Wochenendes vom 19. und 20. Januar sechs Messen organisiert. Die Veranstalter sind sich grundsätzlich einig, dass das Schlimmste verhindert wurde. Angesichts der pessimistischen Grundstimmung wurden einige positive Überraschungen besonders hervorgehoben. Dazu zählen zunächst die beiden Messen, die am Rande der Männermodewoche im Herzen von Paris stattfanden: Tranoï und Man/Woman. Durch das sehr internationale Zielpublikum im Luxus-Segment waren die beiden Veranstaltungen von den potenziellen Schwierigkeiten des französischen Kernmarkts weniger betroffen. Dennoch war unklar, ob gewisse Delegationen – beispielsweise aus Japan oder den USA – im gewohnten Umfang anreisen würden, da sie dafür bekannt sind, die Teilnahme bei Sicherheitsbedenken abzusagen.

Doch offensichtlich haben sich diese Befürchtungen nicht bewahrheitet und die ersten Ergebnisse und Besucherzahlen fielen für beide Messen erfreulich aus. Die Tranoï verzeichnete im Palais de la Bourse 5 Prozent mehr Einkäufer als im Vorjahr. "Natürlich sind das nicht unsere besten Ergebnisse, aber die Ausgabe war positiv. Der Sonntag war besonders erfolgreich, es war der beste Sonntag seit langer Zeit. Damit können wir den deutlich ruhigeren Samstag mehr als ausgleichen", analysiert Tranoï-Chef David Hadida.

Auch die Man und ihr gemischtes Pendant Man/Woman waren am Sonntag deutlich besser ausgelastet, gerade am Place Vendôme, wo sich das Angebot ganz auf die Menswear konzentrierte. Der neue gemischte Veranstaltungsort an der Rue Cambon zog etwas weniger Besucher an. Die japanischen Besucher sind entgegen den Erwartungen sehr zahlreich angereist, aber auch aus den großen Premium-Verkaufsstellen in den USA und Europa wurden bedeutende Delegationen begrüßt.


Zeitgleich mit der Fashion Week fand im Parc des Expositions an der Porte de Versailles die "Market Week" statt. Diese umfasste wie jedes Jahr drei Messen: Die Who's Next, die internationale Unterwäsche-Messe Salon International de la Lingerie und die Bijohrca. Auch hier waren die potenziellen Auswirkungen des sozioökonomischen Umfelds im Vorfeld gesprächsbestimmend. Unter dem Strich ergab sich zwar tatsächlich ein Besucherrückgang, doch waren sich alle Beteiligten einig, dass die befürchtete Katastrophe nicht eingetreten sei.

An der Mode- und Accessoires-Messe Who's Next, die mit rund tausend Marken mehr Labels anzog als die anderen Veranstaltungen, wurden 4,5 Prozent weniger Eintritte verzeichnet. Ein moderater Rückgang also, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Januarausgabe 2018 starken Zulauf verzeichnet hatte. "Wir haben eine Dynamik verspürt, eine Änderung", freute sich Messechef Frédéric Maus. "Die Reorganisation der verschiedenen Bereiche unter dem Banner der Who's Next (die Bezeichnung Première Classe ist fortan der März-Messe in den Tuileries-Gärten vorbehalten) wurde richtig verstanden, die Besucher werden besser an das Angebot herangeführt und die Fließrichtung ist besser für die Käufer", erklärte er weiter.

Auf Ausstellerseite wurde die jüngste Ausgabe abgesehen von den konjunkturbedingten Auswirkungen grundsätzlich als zufriedenstellend und positiv bewertet. Bruno Jourd'hui der hochwertigen Accessoires- und Modemarke Maison Boinet, die ihre mit Antoine Toan entworfene neue Sockenmarke vorstellte, zeigte sich mit der Ausgabe zufrieden. Er betonte vor allem die Zunahme der internationalen Besucher, die sich ihm zufolge im vergangenen September eher rar gemacht hatten. Die exportorientierten Marken waren denn auch global am zufriedensten, da der von den internationalen Käufern ausgemachte Besucher-Anteil von 33 Prozent am dynamischsten war.

Carole Deleuse-Gojon, Director of Operations bei Suncoo, erklärte: "Die Messe hatte grundsätzlich eine beruhigende Wirkung. Wir waren ehrlich gesagt besorgt, aber angesichts der beständigen und guten Besucherzahlen und nach dem Jahresende 2018, ist es gut, wieder zusammenzufinden und eine Messe wie diese zu erleben". Um positive Schwingungen auszustrahlen und ein Zeichen der Einheit zu setzen, organisierte die Who's Next am ersten Tag den Jubiläumsabend zum 25-jährigen Bestehen. Sie organisierte einen feierlichen Abend mit einer Modenschau, wie sie seit mehreren Saisons nicht mehr veranstaltet worden war. Über 3000 Besucher nahmen an der feierlichen Abendveranstaltung teil.


In den Gängen der Who's Next, Januar 2019 - Yannick Roudier
 
Ebenfalls an der Porte de Versailles wurde in unmittelbare Nähe der Salon International de la Lingerie organisiert. Dieser hatte stärker unter dem Umfeld zu leiden, die Besucherzahlen sanken um 10 Prozent, sowohl bei den internationalen als auch bei den französischen Delegationen. Aber auch hier war die Vergleichsbasis nicht einfach, da die Januarausgabe 2018 besonders vorteilhaft abgeschnitten hatte. Die Veranstalter sahen dennoch "ermutigende" Zeichen. Dies insbesondere bei neuen und bestehenden Marken, deren Angebot einen Wendepunkt für die Branche markierte und sich stärker an den Erwartungen der Kunden und am Zeitgeist orientierte.

Die Käufer ließen sich zwar von diesem neuen Wind überzeugen, waren jedoch weniger zahlreich angereist. "Der Rückgang machte sich in Ländern wie China, Südkorea, Japan und den USA besonders stark bemerkbar. Sie ließen sich sicher von den Bildern der Protestbewegung Gilets Jaunes abschrecken. Es gibt aber auch positive Zeichen aus dem Osten, so in Russland, aber auch in Kanada und Australien", so Taya de Reyniès von Eurovet. "Insgesamt hätte es sicherlich schlimmer aussehen können".

Die dritte Messe an der Porte de Versailles war die Bijohrca, die vom 18. bis 21. Januar stattfand. Die Besucherzahlen seien gegenüber dem Vorjahr stabil geblieben, so die Veranstalter, drei Viertel der Besucher seien aus Frankreich angereist. Doch auf Aussteller-Seite ergab sich ein weniger positives Bild, einige beklagten einen Besucherrückgang.

Im Raum Paris fand des Weiteren die Maison & Objet in Villepinte statt. Auch hier war tendenziell eine Baisse zu verzeichnen. Die auf Heim-, Lifestyle-Produkte und Accessoires spezialisierte Messe registrierte 6 Prozent weniger Eintritte als im Vorjahr. "Der Rückgang betrifft vor allem das Ausland, die französischen Besucher lagen auf Vorjahresniveau", kommentierte der CEO der Maison & Objet, Philippe Brocart am letzten Messetag. Ungeachtet des Besucherrückgangs betonten die Veranstalter die Qualität der Besucher und die guten Geschäftsperspektiven. Diese Punkte wurden auch von den Ausstellern bestätigt. Die französische Schmuckmarke Titlee beispielsweise erklärte, dass zwar weniger Besucher im Großexport verzeichnet wurden, insbesondere aus Amerika und Asien, der Gesamtumsatz während der Messe jedoch unverändert geblieben sei.

So wirkte sich das sozioökonomische Umfeld in unterschiedlichem Maße auf die diesjährigen Januarveranstaltungen aus. Das Luxus-Segment blieb von den negativen Auswirkungen eher verschont, der Kernmarkt hingegen war stärker betroffen. Doch unter dem Strich waren sich die meisten Akteure einig, dass die Zeichen auf eine positive Entwicklung hinweisen und es wichtig ist, zu Beginn des Jahres neue Kräfte zu sammeln. 
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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