Frühjahr/Sommer 2014: London weniger „underground“

Die Londoner Fashion Week war eine unterhaltsame und inspirierte Vorschau auf Frühjahr/Sommer 2014. Die lebhafte Caroline Rush und die unermüdliche Natalie Massenet, jeweils CEO und Chairman des British Fashion Council, taten gut an der Zusammenarbeit mit verschiedenen Londoner Institutionen - der positive Effekt war deutlich.

Auch wenn ein Einfluss von Chanel bei Erdem oder von Dior bei Christopher Kane nicht ganz von der Hand zu weisen ist, so hat die Londoner Mode weitaus mehr zu bieten als nur Modezitate - sie zeigt einmal mehr, dass sie durchaus ernst zu nehmen ist. So sehen es auch Kering und LVMH, die neuen Eigentümer der Marken Christopher Kane und Nicholas Kirckwood, die also fortan zumindest finanziell nicht mehr ganz so britisch sind. Und wenn es nicht ohnehin schon so weit ist, dürfte sich diese Energie bald auf das ganze britische Design und letztlich auch auf die Modeindustrie auswirken.

Sister by Sibling und Jonathan Saunders (Fotos: PixelFormula)

Die Schauen von Christopher Kane und Jonathan Sanders wurden am meisten beachtet: Kane stellte seine bisher größte Kollektion mit beinah 50 Kleidern vor, Saunders beeindruckte mit Gespür für Farbe und Material. Gewagte Aufdrucke sind und bleiben die Spezialität der Londoner Designer. Und nächsten Sommer wird in London einiges gewagt. Eher intellektuell wie bei Peter Pilotto oder eher entspannt wie bei Giles oder Mary Katrantzou, die digital print zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. Sie stellte eine begeisterungsfähige und ausgeglichene Kollektion vor, deren Hauptthema in dieser Saison die Nummer Eins aller (vor allem weiblichen) Modefans ist: Schuhe. Sarah Lerfel (Colette) saß dann auch lächelnd in der ersten Reihe – jener Reihe, in der die wichtigen Käufer sitzen…

Mary Katrantzou und KTZ Frühjahr/Sommer 2014 (Fotos: PixelFormula)

Vom Catwalk in den Club

Eine weitere Besonderheit von London ist sein relaxtes Nachtleben. Die Mode-Abteilung des bekannten Victoria & Albert Museum präsentiert derzeit übrigens eine Ausstellung namens „Club to Catwalk“ zum Einfluss des Clubbings auf die Designer der achtziger Jahre . 30 Jahre später geht es in London vom Catwalk direkt in den Club.

Lässig und bereit für jede Party, so lässt sich die Mode von Ashish beschreiben, die mit Coca Cola- und Marks& Spencer-Logos bestickt ist. Glitzriger Denim, grungige Stimmung und Pop-referenzen zu vierstelligen Preisen, denn alles ist handgemacht und das sieht man auch. Die Schau wurde von der jungen Designerin Anna Treveylan auf die Beine gestellt, ein junges Talent mit Neon-Haaren, die ihre Design-Klassen zusammen mit Nicola Formichetti belegt hat – und die man besser nicht vergessen sollte.

Weiter mit den « Club Kids » muss es mit dem Label KTZ gehen, das vor acht Jahren von Kokon to Zai gegründet wurde. Die Marke stellte eine ideenreiche Kollektion vor und blieb sich in ihren futuristischen, gemixten Codes treu. Umso überraschender wirkten da die Blumendrucke für die sonst eher darke Mode, die viel Zuspruch bei verschiedenen Künstlergenerationen findet, von Björk bis Rihanna über den japanischen Popstar Mademoiselle Yulia, die in ihrer Heimat mit der Marke ein Co-Branding laufen hat. Gründer und Kreativdirektor ist Marjan Pejoski – früher DJ, heute in der Mode.
Ashish mit der Kollektion von Anna Treveylan (PixelFormula)

„Wir sind mehr als verwöhnt von jungen Designern“, bestätigt die britische Beraterin Mandi Lennard. „Sobald ein neues Talent auftaucht, bringt es gleich eine ganze neue Generation mit“, fügt sie hinzu und schiebt sich ihre Mütze zurecht. Auf ihren Nägeln prangen dicke Nike-Logos (einer ihrer Kunden). „Nirgendwo sonst besteht diese Koexistenz von Underground-Designern und bekannten, seriöseren Gesichtern“, fügt Lennard hinzu.

Manche Trends sind diese Saison wiedergekommen, wie Schwarz und Weiß, ob allein oder vermischt, oft auf transparenten Stoffen. Auch Brokat ist wieder da, bei Kane, Erdem, Simone Rocha oder Jonathan Saunders. Letzterer wurde bei den vergangenen britischen Mode-Oskars für seine seit fünf Kollektionen bestehende Menswear geehrt. Saunders Womenswear beeindruckt schon seit zehn Jahren.

Seide ist (weiterhin) sehr durchscheinend, bei neuen wie alteingesessenen Designern. Wolle übrigens auch, wie bei Sister by Sibling. Der innovative Knitwear-Spezialist kommt mit viel „Fishnet“ daher. Das Trio aus East London ist Finalist und Favorit für den aktuellen Woolmark Prize. Ihre Schau war eine lebendige Antwort auf Sonia Rykiels Stil der Neunziger, die nächsten Sommer auch viel vertreten sein werden.
Christopher Kane und Burberry (Fotos: PixelFormula)

Stoffe, die selbst nicht durchsichtig sind, werden mit Löchern versehen, wie Christopher Kanes Kleider, auf denen lange Blätter ausgespart sind. Bei Simone Rocha befinden sie sich anstelle der Taschen. Farbe gab es natürlich auch, Pastelle vor allem, in metallisch glänzenden Tönen. Manchmal auch strahlende Neons wie bei Roksanda Ilincic. Die Lieblingsdesignerin von Samantha Cameron, der Frau des britischen Premiers, arbeitete diese Saison mit der Engländerin Venetia Scott zusammen, der treuen rechten Hand von Marc Jacobs und bei Luxusmarken begehrten Fotografin. Ein starkes Zeichen mit überzeugendem Ergebnis.

Sehr geschätzt wurde diese Saison in London auch die Präsentation von Simone Rocha, Tochter des irischen Designers John Rochas. „Hier haben wir wahrlich unsere eigene Comme des Garçon“, so beurteilt Mandi Lennard die „sehr reife“ Kollektion, die eine Mischung aus Couture-Details und neunziger Jahre Streetwear ist. Die junge Designerin ist 1986 geboren und gehört zu jenen Namen, die man schon nicht mehr in der Kategorie „aufsteigend“ ablegen muss.

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