Ian Griffiths über die Modernisierung von Max Mara in Berlin

Ian Griffiths ist einer der angesagtesten Designer Italiens. Seit 32 Jahren arbeitet er für das Haus Max Mara, und obwohl er seit zehn Jahren dessen Kreativdirektor ist, hat er sich noch nie auf dem Laufsteg verneigt.


Ian Griffiths - Photo: Max Mara

Seit der Übernahme der kreativen Leitung von Max Mara hat Ian Griffiths die Marke auf ruhige und höchst wirkungsvolle Weise modernisiert und ihre Kollektionen und Konzepte mit neuer Eleganz überzogen. Am Montag präsentierte der Kreativdesigner seine jüngsten Ideen im Neuen Museum Berlin mit der Enthüllung der Max Mara Cruise Show 2020.

Am Abend davor empfingen Ian Griffiths und die Maramotti-Familie – die Inhaber von Max Mara – Gäste für eine brillante Show von Ute Lemper: Rendez-vous mit Marlene. Und wie es der Zufall so will war Marlene Dietrich neben David Bowie eine der wichtigsten Inspirationsquellen der jüngsten Resort Collection.

Zusammen mit seinem Mann Mark verbringt Ian Griffiths seine Zeit in seinen Häusern in Reggio Emilia (Geburtsstadt von Max Mara), London, Marbella und Suffolk. Bei unserem Treffen verströmt der Designer eine natürliche Eleganz in einem beigefarbenen Maßanzug von Timothy Everest aus hochwertiger Max Mara-Wolle. In seinem Kleiderschrank befinden sich um die 50 Anzüge dieses Londoner Schneiders, vier davon ließ er sogar extra für die Reise nach Berlin anfertigen.

Wir sprachen mit dem 58-jährigen Kreativdesigner vor seiner Show über seine Projekte bei Max Mara, kreative Impulse, die Wege der Kunst, sein Verständnis von Berlin und das kleine Fünkchen Politik in der Mode.

FashionNetwork.com: Wieso zeigen Sie Ihre Cruise Collection in Berlin?

Ian Griffiths: Seit dem Fall der Mauer ist es 30 Jahre her und ich suche immer nach neuen Möglichkeiten, etwas über die Marke zu sagen. Ich muss gestehen, es war auch eine persönliche Wahl, denn für mich bedeutet Deutschland sehr viel, da ich in den 80er Jahren in Manchester Kunst studierte. Ich hatte das Gefühl, Deutschland zu kennen, mit Bauhaus und mit David Bowie, der seine kreativsten Jahre hier verbracht hat, aber auch Weimar und das Musical Cabaret.

So hatte ich schon immer das Gefühl, Berlin ist ein Teil von mir. Ich bin zwar erst Mitte der 90er-Jahre tatsächlich hergereist, doch habe ich die Energie, von der mir viele erzählt hatten, selbst gespürt. Was ich an Berlin so liebe, ist, dass es eine selbstgenerierende Kultur ist. Das hatten wir in den 80ern, als wir unsere eigene Kultur machten, unsere eigene Mode und die eigenen Clubs mit unserer Musik.

FNW: Wie lässt sich all dies mit Max Mara in Beziehung setzen?

IG: Die Verbindungen habe ich herbeigeführt! Manchmal ist es schwierig, herauszufinden, ob etwas nun für mich oder für Max Mara ist. Ich finde es nicht immer einfach, die Grenze zu ziehen zwischen den beiden. Ich bin seit 32 Jahren bei Max Mara. Sagen wir mal, meine Helden sind Max Maras Helden. Dazu zählen David Bowie und Marlene Dietrich. Sie kann doch nur eine Max Mara-Frau sein. Und Marlene Dietrich ist ja eigentlich schon Grund genug, nach Berlin zu kommen.

FNW: Welche Werte und Ästhetik verkörpert sie?

IG: Die Weigerung, sich Konventionen zu beugen, ein umfassendes Bewusstsein ihres Selbstbilds, Ehrgeiz und Entschlossenheit. Für mich sind Ehrgeiz und Entschlossenheit die wichtigsten Eigenschaften der Max Mara-Frau. Und eine Weigerung, Dinge zu tun, wenn sie sie nicht nach ihren eigenen Vorstellungen tun kann, auch das ist ein Charakterzug der Max Mara-Frau. Ich bin 1987 zur Marke gestoßen, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer und im Jahr, in dem Bowie sein Konzert vor dem Reichstagsgebäude gab. Das gilt als der Zeitpunkt, in dem der Fall der Mauer nicht mehr abzuwenden war.
FNW: Wieso musste sie in den Hintergrund treten?
 
IG: Um in jener Zeit am Arbeitsplatz akzeptiert zu werden, musste sie in einer gewissen Weise ein normales Erscheinungsbild annehmen. Wenn ich die Archive von damals einsehe, wird für mich klar, dass das, was sie taten, sehr innovativ war. Sie entwarfen einen Code, der noch sehr neu war. Dabei schauten sie nicht zurück und es gab keine Verweise auf frühere Zeiten. Es war eine neue Art, sich zu kleiden, aber sie war uniform. Ich denke an einen Gabardine-Anzug mit passender Duster-Jacke darüber, dieser klassische Max Mara-Look, als wir die Kampagnen mit Steevie van der Veen machten und sie unser Markengesicht war und von Paolo Roversi abgelichtet wurde.

FNW: Wo sind Sie geboren und aufgewachsen?

IG: Ich bin in Südengland geboren. Meine Eltern gehörten jener Generation an, die viel unterwegs war. Mein Vater arbeitete mit Computern und wir zogen viel um, von Windsor nach Lancashire und Sheffield. Den Großteil meiner Jugend verbrachte ich in Derbyshire und dann meine wildesten Jahre in Manchester. Ich studierte Architektur, brach das Studium aber ab. Ich war zu beschäftigt mit der Clubbing-Szene! Mein Partyzeit fing schon früh an.

FNW: Weshalb haben Sie das Neue Museum gewählt?
 
IG: Ich wollte die architektonische Neugeburt Berlins hervorheben. Eine weitere Verbindung zu Max Mara, denn Max Mara ist Architektur und diese Stadt ist ein architektonisches Paradebeispiel. Und in diesem Gebäude kommt dies vorzüglich zum Ausdruck. Es stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde im Krieg zerstört und blieb dann über 40 Jahre lang eine Ruine, bis es von Chipperfield zu neuem Leben erweckt wurde. Er berücksichtigte die Geschichte des Gebäudes und behielt alle Einschusslöcher und anderen Zeitzeugen bei.

FNW: Wie definieren Sie die DNA von Max Mara?

IG: Echte Kleider für echte Menschen. Ich hatte die Ehre, mit einem Studenten, der seine Dissertation über die Anfänge der italienischen Mode schrieb, Achille Maramotti zu interviewen. Und er sagte, dass er sich bei der Gründung des Unternehmens auf die einfache Idee stützte, dass es nicht darum ging, Prinzessinnen oder Gräfinnen in Rom einzukleiden, sondern echte Kleider für echte Menschen zu entwerfen. Damals war es die Frau des Dorfarztes oder Anwalts. Alles, was bei Max Mara funktioniert, folgt dieser einfachen Regel und wenn wir sie vergessen, dann funktioniert es nicht.

FNW: Beim Anblick Ihres eleganten Anzugs fragt man sich, weshalb Max Mara keine Menswear macht?

IG: Eine Antwort darauf ist es, dass es ein Verrat an den Frauen wäre. Max Mara ist für Frauen. Angesichts der vielen Dinge, die Männern vorbehalten sind, ist Max Mara das einzige, was Männer von den Frauen ausleihen müssen. Eine andere Antwort lautet, dass ich dann nicht mehr der einzige Mensch weltweit wäre mit Max Mara Menswear!

FNW: Was sollen die Menschen aus Berlin mitnehmen?

IG: Ich möchte, dass sie die Idee mitnehmen, dass hinter dem, was wir tun, immer auch eine politische Agenda steckt. Auch im Kleinen. Das war schon immer so, aber nicht explizit. Doch nun sind wir in einem Zeitalter angelangt, in dem man für seine politischen Ansichten einstehen muss. Das kann aber auf elegante Weise geschehen. Auch als ich in den späten 70er-Jahren in Manchester ein Punk war, war ich stets ein eleganter Punk.
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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