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Übersetzt von
Felicia Enderes
Veröffentlicht am
10.12.2020
Lesedauer
4 Minuten
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Kim Jones über die Entdeckung chinesischer Handwerkskunst und die Zusammenarbeit mit Kenny Scharf

Übersetzt von
Felicia Enderes
Veröffentlicht am
10.12.2020

Nur wenige Häuser enthüllen ihre Herrenbekleidung in so exotischen Orten wie Dior Homme, dessen Kreativdirektor Kim Jones Peking für die virtuelle Präsentation seiner neuesten Kollektion wählte.

Dior Men Creative Director Kim Jones - Photo: Christian Dior - Photo: Courtesy of Dior


Doch diesmal überraschte Kim Jones mit einem noch unerwarteteren Konzept und einer Zusammenarbeit mit dem legendären Künstler Kenny Scharf. Das Ergebnis war eine ziemlich schillernde Begegnung von Scharfs Vision der amerikanischen Popkultur und wahrhaft beeindruckenden Beispielen alter chinesischer Stickereitechniken.
 
Der Designer – der bereits mit berühmten Künstlern wie KAWS und dem Architekten Daniel Arsham bei denkwürdigen Modenschauen zusammengearbeitet hat – ist für seinen ausgeprägten Geschmack für zeitgenössische Kunst bekannt. Doch mit der Wahl von Scharf wurde die Idee einer künstlerischen Verbindung auf eine ganz neue Ebene gehoben, da viele der Outfits aussahen, als würden die Werke des amerikanischen Avantgarde-Künstlers zum Leben erweckt und dreidimensionale Formen annehmen.

Zwei Wochen vor der Show traf sich FashionNetwork.com mit Jones in seinem Dior-Studio in Paris an dem Tag, an dem er das Casting für das Kollektionsvideo abschloss und eifrig die Model-Anproben vornahm.
 
"Im Grunde genommen habe ich während des Lockdown darüber nachgedacht, mit wem ich arbeiten möchte, und als ich meine Bibliothek durchsuchte, fand ich alle meine Kenny-Scharf-Bücher. Also besorgte ich mir seine Telefonnummer, rief ihn an und sagte: 'Ich würde gerne mit Dir arbeiten'."
 
"Für mich sind Kenny, Keith Haring und Jean-Michel Basquiat die drei Ikonen der urbanen Kunst der 80er Jahre. Es ist eine Zeit, die mich sehr interessiert. Ich wollte etwas schaffen, das Spaß macht, zumal die Modenschau in Peking stattfinden wird. Da wegen der Lockdowns niemand nach China reisen kann, ist es unmöglich, eine traditionelle Show zu organisieren. Daher wollte ich eine Kollektion voller Freude schaffen. Ich hatte gedacht, zu diesem Zeitpunkt wäre der Lockdown vielleicht beendet. Aber das ist nicht der Fall", bedauert Kim Jones, gekleidet in ein schwarzes Hemd aus technischer Gabardine mit einem Prada-Logo, ein Geschenk seines Freundes.

Dior Men Fall 2021


In der Vor-Covid-Ära fanden die letzten beiden Herbstmodenschauen von Kim Jones für Dior Homme in Miami und Tokio statt. Dieses Mal wurde die Kollektion online auf Dior.com, Instagram und zum ersten Mal auf Twitch vorgestellt.
 
Kim Jones ist sichtlich entschlossen, den Dior-Anzug weiterzuentwickeln und dabei die DNA von Monsieur Dior beizubehalten – dies kommt besonders bei der Crossover-Jacke "Oblique" zum Ausdruck. Letztere ist mit verdeckten Knöpfen versehen, wie bei einem von Monsieur Diors berühmtesten Werken, der Bar Jacket. Die neueste Kollektion von Dior Homme umfasst auch Hemdjacken und interessante utilitaristische Details.
 
"Wir haben eine entspanntere Version der Oblique entwickelt, wie in diesem schönen Satin. Ja, es ist entspannter, aber immer noch schick", lacht er und zeigt auf einen der Looks. "Wir haben mit vielen verschiedenen chinesischen Kunsthandwerkern gearbeitet. Und mit meiner Freundin Victoria Tang. Ich wollte jemanden, der die Spezialisten auf jedem Gebiet kennt – um den Geist dieses speziellen Bereichs in die Welt der Couture zu bringen", erklärt Jones und verweist auf den Kreativdirektor von Shanghai Tang, mit dem er die Initiative "Save Wild Tiger" unterstützt.
 
Während er uns die Details und Ausführungen einer Oblique-Jacke zeigt, fährt der Designer fort: "Es ist ein lässiger Anzug, maßgeschneidert für die Post-Covid-Ära. Menschen, die zu Hause eingesperrt sind, wollen sich noch immer anziehen. Überraschenderweise hatten wir in diesem Zeitraum sehr gute Verkäufe. Mit meiner Kollektion möchte ich diese gute Nachricht feiern".
 
Neben den Pop- und Fantasy-Designs von Kenny Scharf sind auch chinesische Figuren zu sehen. Die mythologischen Ziegen und Pferde des Künstlers finden sich zum Beispiel auf transparenten Jacken wieder. Eine weitere auffällige Innovation im Textilbereich: Das Dior-Atelier nähte holografische Augen auf bestimmte Kleidungsstücke, nicht zu vergessen andere sehr faszinierende Stoffe, wie ein feuerwehrroter Blouson aus Vinyl, der flüssig zu sein scheint.

Dior Men Fall 2021


"Wir konnten keine Show machen, da ich nicht hingehen kann, und ich bin ein ziemlicher Kontrollfreak. Ich möchte alles kontrollieren und sicherstellen, dass alles richtig gemacht wird. Und dann können wir nicht ignorieren, was im Moment passiert. Ich möchte niemanden in Gefahr bringen. Die Leute, die mit uns arbeiten, werden die ganze Zeit getestet. Genau wie unsere Models", erklärt der in Großbritannien geborene und in Afrika aufgewachsene Designer.
 
Vor einer Reihe von Jacken mit Farbverläufen bleibt Jones stehen und ruft ein wichtiges Mitglied seines Teams herbei – Edward Crutchley, der während der Londoner Modewoche seine eigene Prêt-à-porter-Linie für Herren präsentiert. "Ed, halte deine Rede", ruft Kim Jones ihm zu.
 
"Nun, es ist chinesische Fadenstickerei", erklärt Edward Crutchley und zeigt uns einen kummerbundartigen Gürtel, komplett handbestickt. "Diese Technik ist mindestens 1.700 Jahre alt. Vielleicht sogar älter. Es ist eine wirklich subtile Farbabstufung. Wir haben über 300 verschiedene Farben von Seidengarn gefärbt, um so nah wie möglich an Kennys Originalarbeit heranzukommen. Dieses Stück war mit nur 200 Arbeitsstunden am schnellsten fertig zu stellen. Dieser andere Gürtel hat 300 Stunden gebraucht, diese Tasche fast 1.000 Stunden. Eines unserer Hemden benötigte 7.000 Stunden, und das Team, das daran gearbeitet hat, hatte über 1.000 Jahre Erfahrung!"
 
Jones' nächste Station wird wieder in Rom sein, wo er seit kurzem die Rolle des Art Director bei Fendi übernommen hat. Seine erste, mit Spannung erwartete Kollektion, wird im Februar während der Mailänder Modewoche enthüllt werden. Der Designer will das Jahresende in Südafrika verbringen. Doch daran denkt Kim Jones zum Zeitpunkt unseres Treffens nicht: Er scheint fasziniert von der Fähigkeit des Dior-Ateliers, sein Know-how mit dem der chinesischen Handwerker zu kombinieren.
 
"Ich wollte, dass diese Kollektion ein Gegenmittel zu dem ist, was momentan passiert. Denken Sie daran, dass das Haus Christian Dior direkt nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Die Idee ist, den Leuten ein wenig Freude zu bereiten.", so Kim abschließend.

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