London Fashion Week im Schatten des nahenden Brexit

Vor 27 Jahren verhalf eine berühmt gewordene Schlagzeile in der Zeitung The Sun der konservativen Partei Großbritanniens zu einem unerwarteten Abstimmungssieg: "Wenn Kinnock heute gewinnt, möge die letzte Person, die Britannien verlässt, das Licht ausmachen".

Mehr als ein Vierteljahrhundert später könnte man verleitet sein, die kommende London Fashion Week als die letzte ihrer Art zu betrachten. Die Branche bereitet sich auf das sehr reale Risiko eines No-Deal-Brexit vor. Und auf die Wahrscheinlichkeit eines langsamen Exodus der Modebranche aus Großbritannien, da Branchenführer mehr ihrer wertvollen Zeit an Schauen außerhalb des Landes verbringen werden dürften.


Sonnenuntergang über der London Fashion Week - Soleil couchant sur la Fashion Week de Londres

Nur wenige Branchen stehen dem Brexit entschlossener gegenüber als die Modebranche, nicht zuletzt, da jede Show in London einen Teil der Stoffe und vielfach ihre kreativen Talente aus Kontinentaleuropa beziehen.

Während die Gäste sich also vom Donnerstag, 14.02 bis Dienstag, 19.02 für die London Fashion Week versammeln, bleibt in den Köpfen weit vor den Kleidern, Shows und der Aufregung der Modewoche, die Tatsache eingebrannt, dass es sich dabei sehr wahrscheinlich um die letzte britische Runway-Saison vor dem am 29. März eintretenden Brexit handelt.

Keinem anderen kreativen Unterfangen bereitet die Idee, aus der EU auszutreten, mehr Sorge und nur wenige kreative Bereiche beschäftigen so viele Talente aus ganz Europa. Schauen wir uns nur einmal die 20 wichtigsten Shows in London an: Über die Hälfte davon werden von nicht-britischen Designern geführt. Dies zeigt sich allein schon an den Namen: Mary Katrantzou, Roksanda Ilincic, Simone Rocha, Roland Mouret und Riccardo Tisci für Burberry. Nicht gerade typisch englische Namen, oder?

Darüber hinaus haben viele britische Designer mindestens einen Elternteil, der aus dem Ausland stammt. So zum Beispiel Hussein Chalayan, der heuer im Sadler’s Wells sein 25-jähriges Jubiläum als Designer feiert.

Und die Nachwuchsdesigner haben den Anteil nicht-britischer Talente in der englischen Hauptstadt weiter erhöht. In den ersten 24 Stunden der Veranstaltung defilieren so unter anderem Paula Canovas del Vas und Ernesto Naranjo (Spanien), Gayeon Lee (Südkorea), Bora Aksu (Türkei) Renata Brenha (Brasilien) und Ryan Lo (Hongkong), Marta Jakubowski (Polen), Kiko Kostadinov (Bulgarien) und Xu Zhi (China).
Denn angesichts der im Vergleich zu Mailand und Paris unterrepräsentierten globalen Marken bildeten gerade die jungen und ungeschliffenen Rohtalente das Markenzeichen von London.

Die meisten der soeben genannten Designer besuchten eine der beiden berühmten Londoner Modeschulen: Die Central Saint Martins oder das London College of Fashion (LCF). Das LCF ist mit rund 6000 Studierenden (inkl. Masters-Programm) die größte Modeschule Europas und bereitet sich auf einen deutlichen Rückgang der europäischen Studierenden vor, wenn Theresa Mays Brexit-Version durchkommt. Bei einem No-Deal-Brexit erwartet die Einrichtung noch drastischere Auswirkungen.

Die Studiengebühren für britische Bürger betragen GBP 9.000 pro Jahr, europäische Staatsbürger bezahlen denselben Tarif. Studierende aus anderen Ländern hingegen bezahlen mit GBP 18.000 doppelt so viel. Nach dem Brexit könnten angehende Designer aus der EU dieselbe Behandlung erfahren wie alle anderen ausländischen Studierenden, ihre Gebühren würden sich so über Nacht verdoppeln.

"Die Anzahl europäischer Studenten ging im laufenden Jahr klar zurück. Und wir rechnen damit, dass der Brexit einen drastischen Einbruch verursachen wird", bedauert Matthew Drinkwater, Vorsteher der Fashion Innovation Agency des LCF.

Die Londoner Modewoche bietet bis heute eine Fülle an kreativen Talenten, wofür die britische Hauptstadt in vielerlei Hinsicht von den italienischen und französischen Konkurrenten beneidet wird. Doch der Brexit könnte diese Sonderstellung zu Nichte machen. Wenn sich die europäischen Studenten aus finanziellen Gründen für eine Schule in Antwerpen, Florenz, Mailand oder Paris entscheiden müssen, so werden sie zwangsläufig auch ihre Debüts und ihre Marken in diese Städte bringen".

Vor einem Jahr sorgte die britische Königin Queen Elizabeth für eine Sensation, als sie in der ersten Reihe der Richard-Quinn-Show Platz nahm, um dem Designer den Queen Elizabeth II Award for Britisch Design zu verleihen. Vor einem Monat plädierte sie dafür, "gesunden Menschenverstand" walten zu lassen und "nie das große Ganze aus den Augen zu verlieren". Diese Kommentare wurden als Aufforderung interpretiert, die Gespräche um den Brexit auf eine sachlichere Ebene zu bringen. Seither wurde bekannt, dass die Regierung Pläne ergriffen hat, die Monarchin zu evakuieren, falls beim Brexit etwas schieflaufen sollte.

Doch ungeachtet des riesigen Schattens, den der bevorstehende Brexit auf die Modewoche wirft, wartet diese mit zahlreichen Events auf: Kanada, Hongkong und Indien werden gemeinsame Shows zeigen, das berühmte Browns-Geschäft feiert die Einführung von Björn Borg by Robyn, während im Matches-Store am 50 Carlos Place ein Modefrühstück für Palmer Harding organisiert wird. The Evening Standard plant einen Empfang während Fashion Scout eine Reihe von vielversprechenden Talenten aus der Slowakei enthüllt. Am Sonntagabend organisiert der YouTube-Star Derek Blasberg eine Party für David und Victoria Beckham und am Montag findet Natalia Vodianovas jüngste Fabulous Fashion Fund Fair für ihre Stiftung Naked Heart statt.

So gehen die Lichter vielleicht doch nicht sofort aus. Doch nach dem EU-Austritt Großbritanniens kann man mehr leere Plätze erwarten, wenn ausländische Einkäufer, Redakteure und Designer auf ihrem Mode-Exodus den jungen Designergenerationen in andere Regionen folgen.
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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