Louis Vuitton: Architektonische Schutz-Visionen für ein fremdes Land von Nicolas Ghesquière

Man muss es Nicolas Ghesquière lassen: Der Kreativdirektor von Louis Vuitton hat definitiv eine reiche Phantasie.

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Louis Vuitton - Frühjahr/Sommer 2019 - Womenswear - Paris - © PixelFormula

Was klar wird bei der neuesten futuristischen, gleichzeitig aus dem Spätmittelalter inspirierten Kollektion für Vuitton, die vom Eröffnungs-Look – ein geschwungener High-Tech-Blouson mit einem imaginären Sci-Fi-Landschafts-Print – bis hin zu dem bemerkenswerten Set durchweg stilistisch überraschte.

Die Show wurde im Cour Carrée, dem riesigen östlichen Hof des Louvre, inszeniert und das Set zeigte einmal mehr die magische Hand des weltbesten Bühnenbildners Es Devlin. Das gigantische Bühnenbild sah aus wie ein riesiger Raumstationskorridor in einem tiefwinkligen Parallelogramm. Drinnen und draußen, dazu dreieckige schwarze Becken, die zum Teil die Fontänen imitierten, die die berühmte Glaspyramide von I. M. Pei im zentralen Innenhof des Louvre umgeben. Sowohl der Soundtrack als auch eine Reihe von riesigen Bogenlampen wurden nach und nach eingeschaltet, um den Beginn der Show zu signalisieren, wobei letztere ein bemerkenswertes Licht auf die Model-Besetzung warfen. Das war übrigens das Beste der Saison: die Anzahl junger Damen, die in dieser Saison vorab noch nie aufgetaucht war. Eine Goldmedaille für Casting Director Ashley Brokaw!

Die Models marschierten schnellen Schrittes in Westen, American-Football-Tops, Tanktops, Pumphosen und Cocktail-Kleidern, die alle mit betörenden Bildern einer intergalaktischen, mitten in der Bauphase befindlichen, von riesigen Robotern überwachten und in einer endlosen Wüste angesiedelten Stadt bedruckt waren. Alle diese komplett künstlichen Landschaften wurden von seinem Designteam computerbasiert gestaltet.

Das Schlüsselelement dieser Kollektion war jedoch die Architektur der Kleidung. Von wallenden Paillettenärmeln oder mittelalterlichen Ritterschultern bis hin zu Käulen-Akkordeon-Ärmeln oder Feinripp-Renaissance-Hemden. Jeder zweite Look war gekräuselt und flatterte. Die meisten von ihnen besaßen diesen Tech-Print. Nicolas hatte im Vorfeld sogar von einer Drohne die Kaliumseen um Salt Lake City fotografieren lassen und diese Bilder wurden als kleine Prints verwendet.

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Louis Vuitton - Frühjahr/Sommer 2019 - Womenswear - Paris - © PixelFormula

In den vergangenen Monaten gab es sehr viele Diskussionen über die Stellung der Frauen. Bei der Intuition eines Designers geht es darum, Kleidung zu kreieren, die es Frauen ermöglicht, "Situationen zu begegnen, die sie sonst misstrauisch machen, und gleichzeitig sie selbst sein und im Moment leben lassen", erklärte Ghesquière nach der Show. Die dramatischen mittelalterlichen Ärmel waren "keine Rüstung, sondern ehr eine schützende Hülle, die durch die Architektur der Kleidung entsteht".

Ein Quintett von Models – alles Mädchen, aber mit jungenhaften Frisuren – in maskuliner Kleidung mischte sich unter die Truppe, einige in neuen LV-Trenchcoats, Blazern und Caban-Jacken, aus technischem, geklebtem Gummi, das sich wie Leder anfühlte, und die dem Designer erlaubten, einige kraftvoll skulpturale Brancusi-würdige Formen entstehen zu lassen.

"Meine Idee war es, sehr zweideutig zu sein. Alle sagen immer, dass es einer Frau Macht verleihen würde, wenn sie sich wie ein Mann kleidet, aber ich finde, dass eine Frau auch sehr verletzlich wirken kann, wenn sie einen Anzug trägt, und ich wollte mit dieser Ambiguität spielen", fügte der 47-jährige Designer hinzu.

Ghesquière wird zudem die Kasse mit cleveren Accessoires klingeln lassen, angefangen bei den Schuhen der Woche, die wie Pikes geschnittenen Ankle Boots mit Schnallen, bis hin zu den exotischen Lederhandtaschen in Form von fliegenden Untertassen.

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Louis Vuitton - Frühjahr/Sommer 2019 - Womenswear - Paris - © PixelFormula

Nach der Show gab es einen Massenauflauf unter dem Säulengang zwischen den beiden Höfen des Louvre, als Stars wie Cate Blanchett, Alicia Vikander, Thandie Newton, Luke Evans und Sophie Turner in einem Schwarm von VIPs, Redakteuren, Influencern, Möchtegerns, Mitläufern, verängstigten Publizisten, Führungskräften und zahlreichen Schwergewichten darum kämpften, Ghesquière einfach nur Hallo zu sagen. Warum wohl die berühmteste Luxusmarke der Welt ihren Backstage-Bereich in ein Rugby-Gedränge, das einem fünf Meter langen Nahkampf in einem Match zwischen Brive und Béziers gleicht, verwandeln muss, bleibt ein Geheimnis.

Mit einem Wort: Eine durch und durch faszinierende, mit Ideen vollgepackte Show, obwohl viele der technologischen Bilder in den Prints für eine ziemlich kühle Kollektion sorgen. Ghesquière hat bei Vuitton sicherlich ein reiches Werk geschaffen, aber es ist eine kalte, etwas knappe Vision. Und im Gegenteil zu Ghesquières reicher Schaffenszeit in seiner vorherigen Position bei Balenciaga, wo er wirklich die Mode-Agenda festgelegt hat, definieren seine Kleider für LV unsere Ära nicht.

Übersetzt von Elisa Gerlach

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