Maria Grazia Chiuri über ihre inklusive Vision für Christian Dior

In einer Zeit, in der der mächtigste Mann der Welt von der Idee besessen ist, Mauern zu errichten und in der migrantenfeindliche Parteien in ganz Europa starken Zulauf verzeichnen, stach die Dior Cruise Show 2020 in Marrakesch durch ihre afrikanische Inspiration und Fertigung heraus. Ein wichtiges Zeichen für Inklusivität, Toleranz und ganz besonders kulturelle Offenheit.


Maria Grazia Chiuri

 FashionNetwork.com schnappte sich Maria Grazia Chiuri in Paris, kurz bevor die Kreativdirektorin der Damenkollektionen von Dior mit ihrem Team nach Marokko reiste, um einen Glanzmoment der Modewelt zu vollbringen. Wir sprachen mit ihr frei über Mode, Fantasie, Stoffe und Feminismus.

Maria Grazia Chiuri ist eine Südländerin, durch und durch. Ihr Vater stammt aus Santa Maria di Leuca. Hier, im südlichsten Hafen Italiens, ist sie im August auch heute noch oft anzutreffen. Die kommunikative Italienerin bereichert alle Fremdsprachen mit einem starken Akzent und viel Energie. Sie trägt oft Acid-Dyed-Jeans – einer von vielen Trends, die wir ihr zu verdanken haben – und liebt gut sichtbare Schmuckstücke. An den Fingern trägt sie mit Toten- und vergoldeten Köpfen verzierte Ringe, Memento Mori aus dem Hause Codognato in Venedig. Und an den Handgelenken blitzt zwischen zahlreichen Goldketten ein Glücksarmband auf, das sie vor vielen Jahren in Brasilien erhielt.

Auf ihrem Mood Bord sind Bilder von Yves Saint Laurent in Marrakesch, aber auch Lisa Fonssagrives, Talitha Getty, Cecil Beaton und Irving Penn zu sehen, neben Covers der Zeitschrift Ebony und Maya Angelous "I Know Why the Caged Bird Sings". Alle diese Elemente halfen ihr bei der Vorbereitung des starken, dramatischen Modestatements in Marrakesch, das für Maria Grazia Chiuri auch persönlich einen großen Erfolg darstellt.
 
Dior Cruise 2020

FashionNetwork.com: Wieso haben Sie sich für Marrakesch entschieden?

Maria Grazia Chiuri: Nächstes Jahr ist Marrakesch die Kulturhauptstadt Afrikas. Aber auch ungeachtet davon ist Marrakesch ein Ort, der so viele Schriftsteller und Maler und Fotografen auf ihrer Suche nach Licht und Farbe angezogen hat. Hier treffen Europa und Afrika aufeinander, was für uns mit unserer Idee des multikulturellen Statements ideal war. Zudem kann man hier gar nicht anders als über Mode nachzudenken.

Als wir uns für Marrakesch interessierten, fanden wir heraus, dass Monsieur Dior in den 50er Jahren ein Abkommen mit einem wichtigen marokkanischen Geschäft, Maison Joste, abgeschlossen hatte, um seine Entwürfe für einheimische Kunden zu produzieren. Das ist einfach unglaublich. Wir sind auch sehr stolz, Kreationen von Herrn Saint Laurent für Dior aus unserem Archiv zu holen und diese zu zeigen, darunter einen weißen Mantel, der doch tatsächlich "Der Marrakesch" hieß. Das war ein Zeichen! Deshalb richten wir eine kleine Ausstellung dieser Designs für unsere Gäste ein, die sie während dem Empfangsdinner sehen können. Ich denke, das ist eine schöne Hommage an Saint Laurents Beziehung zu Marrakesch bei Dior. Der Verweis war so wichtig, dass wir gar nichts anderes hätten tun können!
 
FNW: Was war der Ausgangspunkt der Kollektion?

MGC: Ich war fasziniert vom Buch Wax & Co und bat mein Team, die Autorin zu kontaktieren. Wir reisten alle nach Nice, um Anne Grosfilley zu treffen und sie zeigte uns ihre riesige Kollektion an Wax-Drucken. Sie ist eine Sammlerin und Anthropologin, die Textilgeschichte studiert. Die Wax-Technik reiste um die ganze Welt – sie begann in Asien, von da gelangte sie nach Europa und dann weiter nach Afrika. Ein sehr spezifisches und aufwändiges Verfahren, um Baumwolle zu bedrucken! Ein wahrer Haute-Couture-Stoff. Um diese Art Druck zu erstellen braucht es rund sieben Arbeitsschritte. Als wir mit Anne Grosfilley nach Abidjan gingen, half sie uns, mit Uniwax die Originalfabrik zu finden. Außerdem trafen wir den berühmten Wax-Designer Pathé'O. Er war so stolz, dass Dior diese Technik verwenden wollte!

So zeigen wir, dass es ein Luxus- und Haute Couture-Druck ist. Pathé'O hat bereits ein Hemd für Nelson Mandela designt, nun baten wir ihn, mit uns zusammenzuarbeiten und das freute ihn sehr. Denn für ihn ist es sehr schwierig, der jungen Generation zu erklären, welchen Unterschied es zwischen dem Original-Wax-Druck und den Nachahmer-Verfahren gibt. Außerdem ist es für ihn nicht einfach, seine Kollektion in die Welt zu exportieren – aufgrund der stereotypen Vorstellung, dass etwas aus Afrika nicht zu teuer sein darf. Doch diese Technik ist sehr teuer, da sie so sehr vom menschlichen Beitrag abhängt, nicht wie digitale Druckverfahren.

FNW: Welche Motive wollten Sie entwickeln?

MGC: Wir wollten keine Originaldrucke verwenden, denn grundsätzlich soll jeder Druck eine Message übermitteln. Deshalb baten wir Uniwax, ikonische Dior-Elemente zu bearbeiten. Wir fuhren hin und zeigten unsere Toile de Jouy, ein typisches Dior-Motiv und fragten sie, was sie davon hielten. Sie entwarfen ein tropisches Toile de Jouy-Motiv und Tarotkarten – ein weiteres Element, das für Dior typisch ist. Sie druckten sie in zwei Versionen: In Indigo, ein Dior-Blau und in einer Version, in der sie die Farbe selbst bestimmten. Das ist ein hervorragender Austausch unserer Codes. Uniwax ist eine großartige Produktionsstätte, die das verbrauchte Wasser wiederaufbereitet und mit afrikanischen Baumwollstoffen arbeitet, alles sehr umweltfreundlich! Ihre Illustratoren in Abidjan gingen von drei Toile-de-Jouy-Motiven und 12 von uns gewählten Tarotkarten aus und fertigten alle Drucke an.

FNW: Beim Betrachten Ihres Mood Boards spürt man, dass Sie sich vom künstlerischen Eifer westlicher Künstler in Marrakesch inspirieren ließen. Stimmt das?

MGC: Ja, für mich ist das eine positive Nachricht für die Mode von morgen – Zusammenarbeit gestützt auf gemeinsame Handwerkskunst, Stickerei und Technik. Wir haben für das Set der Show auch mit einer Frauengruppe aus Fez zusammengearbeitet. Sie nennen sich Sumano und verwenden mit natürlichen Pigmenten gefärbte Wolle.

FNW: Wie haben Sie in dieser Kollektion europäische und afrikanische Empfindlichkeiten zusammengebracht?

MGC: Wir wollten die Wax-Druck-Technik mit neuen Stoffen kombinieren, wie Kaschmir. So schufen wir mit den von Uniwax hergestellten Mustern verschiedene Erzeugnisse: afrikanische Baumwolle, italienische Kaschmirwolle und in Paris Seide und Crêpe de Chine. So erscheinen dieselben Muster in unterschiedlichen Kontexten. Wie ein Opernmantel aus Seide, bei dem der Stoff eine ganz andere Haltung zum Ausdruck bringt.

FNW: Wieso arbeiteten Sie mit mehreren anderen Designern zusammen, wie Grace Wales Bonner, Pathé'O und der Künstlerin Mickalene Thomas?
 
MGC: Nun, mit Mickalene Thomas begannen wir mit dem Lady Dior-Herz, das war unsere erste Zusammenarbeit mit ihr. Doch Christian Dior ist ein Couture-Haus, so dachten wir uns, wir könnten die Künstler um ihre Interpretation der ikonischen New Look-Silhouette beten. So arbeiteten sie an der Jacke und dem ausgestellten Rock und wir haben ihnen dabei freie Hand gelassen.


Ausgestellte Entwürfe für die Show in Marrakesch

 FNW: Bedeutet eine Cruise Collection, dass Sie mehr Risiken eingehen können?

MGC: Das hängt davon ab, was Sie damit meinen. Ich habe nicht das Gefühl, Risiken einzugehen. Wenn man das tut, woran man wirklich glaubt, gibt es kein Risiko. Ich verstehe meinen Job bei Dior so, dass ich unsere Codes auf neue Weise einbringe, wobei die Zusammenarbeit mit dem Team neue Energie generiert. Das Team entdeckt neue Ideen, in der Mode und bei den Techniken. Bei meinen Anfängen in der Modebranche gab es noch keine Cruise oder Pre Collections.

FNW: Welche Pläne haben sie nach dieser Cruise Collection?

MGC: Wir planen eine weitere Zusammenarbeit mit dem Tanzensemble von Sharon Eyal in Tel Aviv im nächsten Jahr. Dazu testen wir im Juni die ersten Prototypen in Tel Aviv. Und jetzt wollen plötzlich alle in meinem Team nach Tel Aviv!

FNW: Wie beeinflusst Ihr Hintergrund als Accessoires-Designerin Ihre Entwürfe?

MGC: Accessoires befassen sich in einem einzigen kleinen Gegenstand stärker mit Codes als die Mode. Als ich in der Mode anfing, hatte Prêt-à-Porter ein viel größeres Gewicht. Bei den Accessoires kann man jedes Accessoires unabhängig der Trägerin betrachten, ohne eine genaue Passform. Das ist ein ganz anderer Ansatz. Beim Entwurf von Accessoires will man sicher sein, dass ein Schuh beispielsweise von allen getragen werden kann, dass er bequem ist und gekauft wird. Man denkt nicht an das Gesicht, zu dem eine Tasche getragen wird. Es geht mehr um reines Design.

FNW: Wieso liegt Ihnen Ihr feministisches Engagement mit Christian Dior so am Herzen?

MGC: Ich glaube, dass man, wenn man über Frauen spricht, über Frauen in der ganzen Welt spricht. Doch meine Wurzeln sind in Rom und Italien, was eine sehr eingeschränkte Sicht sein kann. So ist es ein Austausch mit anderen Frauen über handwerkliches Können und Couture. Die Mode dreht sich nicht mehr nur um Kleider. Es ist etwas ganz anderes. Meine Anfänge in dieser Branche machte ich in prähistorischen Zeiten, mit einem sehr kleinen Publikum und nur zwei Kollektionen pro Jahr – eine für den Sommer, eine für den Winter – und wir reisten eigentlich nie in andere Länder. Die größten Reisen waren nach Paris oder London. Heute ist die Mode mit den neuen Medien global geworden und auch unsere Gespräche und unsere Marke sind global. Und das prägte die Art und Weise, wie wir die Kollektionen produzieren. Damals war der Winter für Mäntel und im Sommer gab es Baumwolle. Nun gibt es in allen Kollektionen Baumwolle und Kaschmir, da man nicht weiß, wohin sie geliefert werden. Man erreicht ein so großes neues Publikum, neue Generationen. Die heutigen Argumente in der Mode drehen sich heute um das Geschlecht, kulturelle Aneignung, die Umwelt, Postkolonialismus und das müssen wir berücksichtigen. Damit wir unsere moderne Welt ansprechen.

Ich glaube an die Mode, an ihre Bedeutung für die Kreativität. Zugleich müssen wir uns kritisch mit unseren früheren Verhaltensweisen auseinandersetzen. Anfänglich hatten wir nicht genug Kultur, deshalb machten wir Mode mit unseren eigenen Bezügen. Die Mode war eine kleine Welt, in der unsere Überlegungen zwischen Modemachern blieben. In der Schule in Italien lehrte ich technische Aspekte – wie man eine Jacke herstellt, wie man die Stoffe auswählt. Heute befasse ich mich bei Dior mit vielen neuen Aspekten.
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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