Max Mara: Der stille Riese spricht!

In Italien nennt man Max Mara auch gerne "Il Gigante Silenzioso" oder den stillen Riesen. Es ist eines dieser seltenen Modehäuser, die sowohl kritischen Erfolg als auch kommerziellen Wachstum miteinander verbinden. Es handelt sich um ein 1,558 Milliarden Euro schweres Unternehmen, das sich noch immer im Besitz der Nachkommen des Gründers Achille Maramotti befindet und ein großartiges Beispiel für die famiglia italiana ist.

Luigi Maramotti Photo: FashionNetwork.com/ Godfrey Deeny - Foto: FashionNetwork.com/ Godfrey Deeny

Eine Familie, die außerdem für ihre Diskretion und Zurückhaltung bekannt ist. Eine, die stolz darauf ist, ein kreatives Unternehmen zu schaffen, das weltweit 4.700 Mitarbeitern eine anregende Langzeitbeschäftigung bietet, insbesondere in Reggio Emilia, der antiken römischen Stadt, die heute eine hübsche, aber verschlafene Stadt im Zentrum der großen nördlichen Ebene von Italien ist.

Am Montagabend hat Max Mara seine allererste Show in der Heimatstadt, der Quelle von Italiens berühmtestem Käse Parmigiano-Reggiano, inszeniert.  Tatsächlich sind die Einheimischen als I Reggiani bekannt.

Eine Kollektion, die von der Kunst an den Wänden des zu Recht berühmten Museums für zeitgenössische Kunst, die Collezione Maramotti, inspiriert ist. Der Gründer des Hauses, Achille Maramotti, hatte ein bemerkenswertes Auge und baute ganz gemächlich – und im Wesentlichen auf seinen Instinkt und sein viszerales Gefühl vertrauend – eine atemberaubende Sammlung auf, mit Werken moderner Legenden wie Francis Bacon, Cy Twombly, Eric Fischl, Jean-Michel Basquiat, Julian Schnabel, Alex Katz, Jörg Immendorff, Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Georg Baselitz, sowie große moderne Italiener wie Enzo Cucchi, Francesco Clemente und Claudio Parmiggiani.

Der jetzige Chef des Hauses und gleichzeitig Achilles Sohn, Luigi Maramotti, erklärten sich nun zu einem Interview bereit, dass im ehemaligen Büro seines verstorbenen Vaters stattfand. Nach dem Tod von Achille erbten seine Kinder Luigi, Ignazio und Maria Ludovica das Unternehmen. Luigi spricht ausgezeichnet Englisch. Schon als 19-Jähriger war er Verkäufer für Evan Picone in den USA und sechs Jahre später kehrte er erneut dorthin zurück, um Max Mara North America zu gründen.

Wir trafen uns in der ehemaligen Bekleidungsfabrik, die heute dieses einzigartige Kunstmuseum ist. Ein zehnminütiger Termin, der sich in ein 30-minütiges Gespräch verwandelte, in dem Luigi erklärte, warum das Unternehmen nur eigene Marken entwickelt hat (heute sind es 19) und niemals ein Außen-Label erworben hat, warum er die Börse nicht mag und wie er glaubt, dass kreative Modemarken gemanagt werden sollten.

Max Mara Cruise 2019 - Photo: Max Mara
 
Warum haben Sie diese Cruise Show inszeniert?

Ich habe es nicht entschieden. Ich war dagegen. Ich habe es immer aus vielen, vielen Gründen abgelehnt, an diesem Ort eine Show zu veranstalten. Aber dieses Mal konnte ich meinen Kreativteams diese Möglichkeit nicht abschlagen. Sie kennen diesen Ort wirklich sehr gut und sie kommen manchmal zur Inspiration hierher. Und sie entwickelten diese Idee der Cruise Kollektion, basierend auf italienischen Malern der 60er-Jahre in Verbindung mit der Arte Povera-Bewegung. Es gab eine starke Verbindung zu den Farben und Formen, sodass ich nicht Nein sagen konnte. Normalerweise bin ich gegen den Mix von Mode und Kunst, wenn es nicht rigoros genug ist. Aber das war ein echter Tribut.

Diese Region hat, wie ein Großteil Italiens, in den letzten zehn Jahren Schwierigkeiten gehabt. Warum sind Sie in einem schwierigen Moment aufgeblüht?

Ich glaube, dass in schwierigen Zeiten wahre Werte steigen – Marken, die ein Erbe und eine echte Kultur haben, sind besser positioniert, um die Verbraucher anzusprechen. Die Geschichten, die sie erzählen, sind wahr und nicht erfunden. Wie dieses Gebäude, wo wir angefangen haben. Es ist Teil unserer Geschichte. Wenn Sie über die Fußböden der permanenten Ausstellung gehen, können Sie noch die Markierungen erkennen, wo die Nähmaschinen einst standen. Gebäude bewahren die Erinnerung und man weiß nicht wirklich warum, aber wenn man in einem Gebäude ist, das solch eine Geschichte hat, wird es emotional sehr stark. Also ja, diese Region besitzt eine große Tradition. Hier hatten sie zum Beispiel im 16. Jahrhundert Seidenraupen und man produzierte Seidengarn und Textilien. Aber dann verschwand alles aus irgendeinem Grund.

Ist das, was Sie verkaufen, italienisches Savoir-Faire?

Persönlich bin ich ein wenig kritisch gegenüber dieser Zuschreibung "Made in Italy", da ich ein Individualist bin und ich an Kreativität glaube und dass diese mit Individuen und Netzwerken von Individuen und nicht notwendigerweise mit einer Nation verbunden ist. Und außerdem sind in unserer Firma mehr als 100 verschiedene Nationalitäten auf der ganzen Welt vertreten und viele kommen hierher und verbringen Zeit in dieser kleinen Stadt, um mit den Archiven zu arbeiten. Kreativität hat keine Flagge.

Obwohl Ihre Marke eher klassisch ist und Ihre Kunstsammlung avantgardistisch, unterstützen Sie oft ikonoklastische junge Künstler. Warum?

Ja, wir arbeiten mit talentierten Architekten, Einzelpersonen oder Künstlern zusammen, wie bei dem Max Mara Kunstpreis für Frauen, auf den wir sehr stolz sind. Aber das Star-System widerspricht unseren Werten. Wenn der Star des Individuums wichtiger und zu einem Kanal für das Marketing wird, dann ist das negativ für uns. Weil es unserer Idee widerspricht, ein Produkt zu kreieren, das für sich selbst steht. Wenn der Sinn darin besteht, dass Leute den Mantel kaufen, nur weil sie die Person, die diesen Mantel trägt, nachahmen wollen, dann stimmt etwas nicht bei uns. Ich möchte niemanden verurteilen, es gibt andere Firmen, die diesen Fokus haben. Aber sich selbst treu zu sein, das ist sehr wichtig.

Bleibt Ihre Kernmarke weiterhin Max Mara?

Wahrscheinlich macht sie 60 % des Umsatzes aus, aber sie sind alle mit unserem Know-how verbunden. Die Trennung zwischen dem Großhandel und unserem eigenen Einzelhandel ist nicht relevant. Es gibt nur gute oder schlechte Abwicklungen. So sehe ich es. Rezepte sind immer gefährlich in der Mode. Als Unternehmen haben wir nur eigene Marken entwickelt. Wie Marina Rinaldi, der Name der Großmutter meiner Großmutter. Sie war eine Frau, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte und eine Witwe war, sie hat sich als Schneiderin den Unterhalt verdient und das ist der Beginn unserer Geschichte.

Warum kaufen Sie keine anderen Firmen?

Sag niemals nie, aber das ist nicht unser Fall. Wir sind keine Vermarkter im reinen Sinne, sondern mehr daran interessiert, was wir durch die Entwicklung eigener Ideen erreichen können. Es gibt Leute, die sehr gut darin sind, Marken zu erneuern, aber wir sind es nicht.

"Man Eating a Leg of Chicken" (1952) - Francis Bacon - Photo:Collezione Maramotti/ Godfrey Deeny

Wie hat Ihr Vater Achille die Kunstsammlung aufgebaut?

Er fing in seinen späten 30ern an, als er begann, ein bisschen Geld zu haben. Es gibt eine großartige Anekdote dazu, über einen Abend Mitte der 60er-Jahre in Mailand. Bei einem Event wurde ihm ein Gemälde von Bacon angeboten, dessen Kunst er immer liebte. Und er mochte dieses Werk sehr und er musste sich entscheiden, den Bacon oder eine spezielle Beschneidemaschine zu kaufen. Und er kaufte die Maschine. Ich kann mir gut vorstellen, dass man mit dem Bacon heute wohl ein paar Firmen kaufen könnte. Nichtsdestotrotz zeigt uns diese Geschichte, dass man konzentriert bleiben muss, auch wenn er später einen Bacon kaufte.

In der Modebranche zu sein, bedeutet für mich, wie ein Anthropologe oder Forscher tätig zu sein. Neue Grenzen zu überqueren. Die Menschen in der Mode sind immer am Dialog mit der Kunst interessiert. Weil die Künstler vor den Designern wissen, was als nächstes kommt. Aber sie sind sehr nah dran. Andere Leute kommen erst viel später. Das begeisterte meinen Vater und er kaufte Kunstwerke und hängte sie an diesem Ort auf, da er der Meinung war, dass die Leute, die in der Mode arbeiten, diesen Dialog wirklich verstehen müssen. Er hat ja keine Vorzeige-Kollektion zusammengestellt.

Wie hat Amerika Sie beeinflusst?

1986, als ich dorthin zurückkehrte, um Max Mara USA zu gründen, war New York sehr tough. Es stand zur Disposition: Selbst wenn die Stadt wegen der hohen Kriminalität schwierig war, war die Stimmung unglaublich großartig, selbst mit nicht so viel Geld. Und ich könnte immer noch in Manhattan leben!

Werden Sie jemals an die Börse gehen?

Ich bin im Allgemeinen kein Fan davon. Wenn Sie in diesem Bereich arbeiten und wirklich frei sein wollen, um Ihre Ziele zu erreichen und um ein kreatives Unternehmen zu sein, dann ist es besser, dass das Top-Management darauf ausgerichtet ist. Und der Aktienmarkt ist in Bezug auf kurzfristige Strategien und Ergebnisse sehr anspruchsvoll. Es herrscht eine hohe Sprunghaftigkeit und er ist daher nicht ideal für das, was wir machen.

Welche Pläne haben Sie für die Nachfolge bei Max Mara?

Wir packen in der Firma an. Dies ist ein sehr faszinierendes Metier, wenn man es liebt. Also, wenn Mitglieder unserer Familie Liebe und Entschlossenheit zeigen, gibt es hier immer einen Platz. Ich glaube, dass Familienunternehmen einen zusätzlichen Wert haben, wenn man durch die italienische Geschichte zurückgeht und man die botteghe oder Werkstätten der großen Maler nimmt – es gibt diese Weitergabe der Kultur, des Wissens, der Fähigkeiten vom Vater zum Sohn und auch diese Motivation der Menschen, in einem Familienunternehmen zu arbeiten, wo sie viele Probleme bewerkstelligen müssen.

Max Mara Cruise 2019 - Photo: Max Mara

Luigi, ein Absolvent der nahe gelegenen Universität von Parma, lebt in einer Villa in den Hügeln oberhalb von Reggio Emilia. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder mit seiner Frau, die eine Expertin für den großen französischen politischen Philosophen Alexis de Toqueville ist.

Wenn Sie nicht arbeiten, was machen Sie dann in den Ferien?

Mein letzter Urlaub war in Ascoli Piceno, in den Bergen, wo es ein Erdbeben gab. Ich war wandern, um diese schöne Stadt zu sehen, die niemand kennt. Sie sollten mal dorthin gehen! Das Mal davor war ich in der Wildnis von Alaska, um in einem Camp Ski zu fahren. Eine meiner besten Reisen war eine verspätete Hochzeitsreise vor 35 Jahren rund um die Westküste von Irland, Cork, Dingle und Connemara. Keine sehr populäre Wahl, aber tolle Farben, das Licht und die Menschen.

Ich bin gerne an Orten, wo ich von all dem weg komme... Das Problem, das wir in der Modebranche haben, ist das Tempo. Und das können wir nicht ändern, aber wenn man eine Firma leitet, sollte man die Weisheit besitzen, vorauszuschauen und Richtungen und Trends zu erkennen, die wichtiger sind als nur die Resort-Kollektion 2019. Ich denke, dass heutige Menschen ein Problem mit der Oberflächlichkeit haben. Im Allgemeinen waren wir in unserer Welt sehr schnell und sehr offen für Veränderungen. Aber jetzt ist die Veränderung zum Ziel geworden. Man weiß nicht, wohin man steuert – in der Politik und im Management und auch im Ökosystem.

Wenn man Unternehmer ist, ist man ein Politiker im wahrsten Sinne. Man erledigt jeden Tag politische Dinge. Man hat eine politische Verantwortung. Daher ist es wichtig, dass man seinen Blickwinkel ändert. Darum fühle ich manchmal die Notwendigkeit, körperlich an sehr entfernten Orten zu sein.

Welche anderen Modemarken bewundern Sie?

Unternehmen, in denen jemand die Werte verkörpert, die schließlich zu einem Erbe werden – wie japanische Designer in den 70er- und 80er-Jahren. Was sie taten, war sehr ehrlich, sehr originell und sehr einflussreich. Das war eine sehr glückliche Zeit, in der man sehr erfinderische Designer hatte und die Chance, erfolgreich zu überleben – Yohji, Issey, Comme und davor sogar Kenzo.

Was halten Sie von der aktuellen politischen Situation in Italien, die für viele Menschen von außen gesehen chaotisch wirkt?

Nun, in Italien reden wir viel. Also schaue ich lieber, was die Leute wirklich machen und nicht, was sie sagen, was sie machen werden. Lasst uns also mal sehen, was diese neue Regierung wirklich macht.

Übersetzt von Elisa Gerlach

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