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Milan Fashion Week: Damenmode auf Identitätssuche

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
today 26.02.2019
Lesedauer
access_time 4 Minuten
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Noch nie schienen die Mailänder Designer gespaltener als in dieser Saison. Auch wenn die Zeit der deutlichen Trends eindeutig vorüber ist, ließen sich in den Fashion Weeks bislang doch zumindest einige zugrundeliegende Trends ausmachen. Aber damit ist nun Schluss. Nur in einem Punkt scheinen sich alle einig zu sein: Street- und Sportswear sind Schnee von gestern. Überall nähert sich die Frau den Grundelementen einer urklassischen Garderobe, mit Kleidern, Anzügen, Westen, Mänteln, Cardigans und Jupes, wenn möglich halblang.


Marco De Vicenzo, Herbst/Winter 2019-2020 - © PixelFormula


Wie auch bei den Herrenkollektionen im Januar bestätigt sich die Begeisterung für tadellos geschnittene Kleidungsstücke, hochwertige, klassische Stoffe, Liebe zum Detail, Authentizität durch den Fokus auf das Know-how. Auf vielen Laufstegen war die Rückkehr einer gewissen Eleganz mit Retro-Touch zu erkennen. Silhouetten, die den 50er Jahre nachempfunden sind und Kleidungsstücke, die mehrheitlich über die Knie hinabreichen.

Die Entwürfe sind bequem und zugleich elegant, wie an zahlreichen langen, fließenden Kleidern und breiten Hosen zu sehen ist. Mäntel hüllen den ganzen Körper ein. Einmal mehr entpuppt sich Dolce & Gabbana zum Vorreiter dieser Bewegung, mit einer ganz der "Eleganz" verschriebenen Kollektion.

Die Weiblichkeit wird hochstilisiert, mit unzähligen Glamour-Handschuhen bei verschiedensten Designern, omnipräsenten Overknees und Absatzstiefeln, mit Vorliebe aus Vinyl und in leuchtenden Farben. Sie kommt in zahlreichen Nuancen und Varianten zum Ausdruck: Romantisch mit blumigen oder bunten Tunikakleidern, kindlich mit einem Augenzwinkern an Bambi bei Marco De Vincenzo oder an Märchenwelten bei anderen Designern, minimalistisch und auf hochwertigen Tragekomfort setzend bei Calcaterra, sexy und aggressiv aus Leder und Latex.

Einige Kollektionen umfassen gar zwei gegensätzliche Stoßrichtungen, wie Miuccia Prada, die einerseits auf Romantik und Liebe setzt und andererseits auf Macht und Armee. Oder GCDS, wo die Prinzessinnen aus dem ersten Teil der Show sich später in Hexen verwandeln. Und bei Bottega Veneta werden Super-Bikerinnen im Lederlook mit klassischeren Outfits vermischt.

Dieser dunkle Einschlag ist auch in mehreren anderen Kollektionen zu verspüren. Bei Gucci gibt es so punkige Masken und Nietenhalsbänder, während Marni Gothic-Outfits mit langen Ketten entwirft, die um die Körper gewickelt werden und Kleider, die mit Heftklammern statt Nähten zusammengehalten werden. Versace bietet eine sehr sexy Version mit Sado-Maso-Lederbändern und Strumpfhaltergürteln. Kampflust und Kräftemessen? Oder Schutzbedürfnis in einer immer unsicheren und gewalttätigeren Welt? Eines ist sicher: die plötzliche Verbreitung von Kampfstiefeln auf den Laufstegen ist kein Zufall.

Für Miuccia Prada kann die Mode angesichts der steigenden Gewalt und Spannungen nicht länger teilnahmslos dastehen. Dieses Gefühl wird auf den Laufstegen durch beunruhigende Mädchen mit langen Zöpfen und Militärstiefeln verkörpert. "Befänden wir uns in einem anderen Jahrhundert, so wäre mit den gewaltsamen Eskalationen in Europa und dem latenten Rassismus bereits ein Krieg ausgebrochen. Ich bin wirklich besorgt", erklärte die Designerin nach der Show. "Einerseits arbeiten wir für reiche Menschen und entwerfen für sie hochwertige Kleider. Doch die Mode hat ein bedeutendes Gewicht und es besteht eine Art Erwartungshaltung, dass wir auch über andere Themen sprechen. Welchen Weg haben wir, dies auf intelligente, aber nicht zu oberflächliche Weise zu tun"?

Bei anderen Marken ist dieses Gefühl nur filigran erkennbar. So in der hochraffinierten Kollektion von Marco De Vincenzo, dessen Outfits wie durch böse Gedanken verdunkelt wurden. "Es ist nicht meine Art, Botschaften zu übermitteln, denn für mich ist die Mode in erster Linie glamourös und fröhlich. Es ist aber wahrscheinlich, dass meine Kollektion die uns umgebenden Spannungen aufgesogen hat. Die Mode ist wie ein Spiel, sie gibt uns auch die Möglichkeit, aus unserem Alltag auszubrechen", betont der Designer.

Mit dieser Interpretation lässt sich auch die Ambivalenz erklären, die aus der Milan Fashion Week hervorgehrt. Doch Pragmatiker sehen darin lediglich einen Übergang zu einem Zeitpunkt, in dem wir erneut mit Krisen umgehen müssen. "Nach der Genderless-Welle und dem Einfluss der Streetwear versuchen die Modehäuser heute herauszufinden, was der nächste Schritt ist. Sie erforschen offensichtlich sehr unterschiedliche Möglichkeiten und orientieren sich dabei manchmal an Stilrichtungen, die von ihren üblichen Einstellungen weit entfernt sind", analysieren die Gründer der Plattform Tomorrow London Holdings, Stefano Martinetto und Giancarlo Simiri.

"Diese Suche muss auch im Zusammenhang mit dem Umsatzrückgang in der Damenmode gesehen werden. 20 Prozent des Umsatzes wurde von der Menswear geschluckt. Die Womenswear-Marken versuchen deshalb, sich in alle möglichen Richtungen zu diversifizieren", so die Schlussfolgerung von Martinetto und Simiri.
 

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