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Paris: Das Comeback der Avantgarde-Couture und ein Hauch von Rebellion

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
today 20.01.2019
Lesedauer
access_time 4 Minuten
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Die Rückkehr nach Paris nach der zehntägigen Reise durch Europa – von London über Florenz nach Mailand – ist stets aufschlussreich. Hier offenbarten die Menswear-Kollektionen Designer, die das Konzept der Avantgarde-Mode wirklich verstehen. Die Stimmung an den vergangenen zwei Tagen in Paris trug aufständische Züge, wenn auch mit einem Fünkchen Hoffnung.

Sowohl Yohji Yamamoto als auch Dries Van Noten entwarfen wundervolle Kollektionen, die in unerwarteten Proportionen zugeschnitten wurden und sowohl mit Uniformen als auch mit Nostalgie spielten. Die Proteste der "Gilets Jaunes" in Paris verliehen den Shows etwas Aufrührerisches. Jun Takahashi von Undercover ließ sich von der starken Symbolik von Clockwork Orange inspirieren. Demna Gvasalia spielte für Vetements im Naturkundemuseum Paris mit Fußball und vor allem dem Dark Web.


Yohji Yamamoto - Herbst/Winter 2019- Menswear - Paris - © PixelFormula


Yohji Yamamoto
 
General Yohji Yamamoto organisiert seine Schauen stets in seinem ganz persönlichen Rhythmus. Auch die jüngste Kollektion bildete keine Ausnahme. Die Show wurde am Donnerstagabend am Pariser Hauptsitz des Labels in Les Halles organisiert.

In einer nahezu makellosen Show vergnügte sich Yamamoto auf mysteriöse Weise mit militärischen Motiven – Borten, Abzeichen, Embleme und natürlich Knöpfe – um einer der ältesten Inspirationsquellen der Menswear neues Leben einzuhauchen: den Militäruniformen. Er schnitt Kanoniersjacken mit Knöpfen in tangentialen Mustern, entwarf mit Schnur und Faden verarbeitete Generalsmäntel und sandte Preußische Offiziersröcke mit großartigen abstrakten Mustern, bemerkenswerten Spinnennetz-Prints und von Hand aufgemalten Tigerköpfen auf den Laufsteg. Sogar die Husarenjacke wurde zum Dufflecoat umfunktioniert. Die Looks defilierten zur Melodie von Amazing Grace und zu klingenden Blues-Gitarren. Alles in allem, eine wirklich großartige Show.

"Militärkleidung dient seit Generationen als Inspirationsquelle für die Mode. Ich wollte dies auf die höchste Fertigungsqualität erheben. Im vorliegenden Fall wollte ich Hoffnung verbreiten", so der sybillinische Kommentar des Designers.

 

Dries Van Noten - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - © PixelFormula


 
Dries Van Noten

Vom Dries Van Noten-Defilee werden die Zuschauer schlussendlich vor allem die schönen Stoffe und seine Fähigkeit, ethnische Motive und moderne Ideen nahtlos ineinander verschmelzen zu lassen, in Erinnerung behalten. Doch dabei vergessen sie, dass der belgische Designer auch mit chirurgischer Präzision arbeitet.

Und Dr. med. Van Noten lieferte am Donnerstagabend chirurgische Höchstleistungen, darunter die allerbesten Anzüge, die wir in dieser Saison in Paris zu Gesicht bekommen haben. Er nannte seine Kollektion "Nostalgia del Futuro", als Zeichen dafür, dass er seit dem Kauf seines Ferienhauses im Süden von Neapel immer mehr italienische Ideen einfließen lässt.

Seine Hauptidee war die Verarbeitung von Walkstoffen aus Militärwolle zu Zweireihern mit Stehkragen und breiten Aufschlägen. Diese kombinierte er mit ausgestellten Hosen aus erstaunlich fließenden Stoffen. Die aus anthrazitfarbenem Whipcord und Kammgarngewebe gefertigten Stücke waren allesamt großartig und wurden von den Models mit sichtlichem Stolz getragen.

In einer intelligenten Show, wo sich Künstler vom Schlag eines David Bowie oder Andy Warhol in zahlreichen Interview über Kunst und Inspiration auslassen konnten, war auch die vorzügliche Verwendung organischer und optischer Batik-Stoffe – in Form gefütterter Regenmäntel und sehr männlicher Parkas verarbeitet – hervorzuheben. Das Label lieferte ein sehr selbstsicheres Modestatement.


Undercover - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - © PixelFormula


Undercover
 
An der jüngsten Show von Undercover war es kein Leichtes, festzustellen, wo die Zusammenarbeit zwischen dem Gründer des Modehauses, Jun Takahashi, und dem Kreativdesigner von Valentino, Pierpaolo Piccioli, begann und wo sie endete. Die Kollektion gipfelte in der Collaboration, in der das Duo Bilder von Edgar Allan Poe, David Bowie und Ludwig Van Beethoven einfließen ließ.

Das zentrale Thema war jedoch sehr viel brutaler: Stanley Kubricks Film Clockwork Orange. Die Show startete mit drei Musikanten mit Gehstöcken, die in denselben Masken durch den Espace Wagram stolzierten, wie sie Malcolm McDowell in der schrecklichen Vergewaltigungsszene im Film trug. Auf Nylon-Parkas, riesigen Puffer-Jacken und Motorradhandschuhen aus Schafleder wurde McDowells braver Look abgebildet. Eine technisch brillante Show, deren modisches Statement vielleicht etwas zu offensichtlich war. Kein modisches Highlight also, aber eine vorzügliche Darbietung im Modetheater.

 

Vetements - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - © PixelFormula


Vetements
 
Vetements zeigte eine dunkle Vision der Mode, in der Demna Gvasalia in der Grande Galerie de L’Evolution des Naturkundemuseums das Dark Web erkundete.

Viele Models trugen Masken, die lediglich Augenöffnungen vorwiesen und defilierten mit der XL-Ästhetik, die sich Demna Gvasalia zu eigen gemacht hat. Die riesigen Daunenjacken und aufgeblähten Pufferjacken passten zu den riesigen Plüschtieren der Galerie, vom Walross bis zum Gnu. Auf Sweatshirts Aufschriften wie "It's Hocus Pocus Time Bitches". In der Kollektion schwang ein Hauch Anti-Globalisierungsdemo mit, auch wenn einige Demonstranten dabei rosa Samtmäntel zu ihren Sweatshirts trugen und ein Model gar einen samtenen Affenrucksack trug.
 
Für den Designer spielte die dunkle Show auf die "verrückte, beängstigende Seite des Internets" an.

Die letzten Models gingen mit vollständig bedeckten Köpfen über den Laufsteg und suchten den Weg über ihre Smartphones. Ein kräftiges Statement, wenn die Kollektion auch nicht die Beste von Vetements war. Die Schnitte, Formen und Linien der Kleider wirkten dazu nur all zu vertraut.

"Mit Masken und Kapuzen können wir unsere Identität schützen und einfacher protestieren. Geeks sind die neuen Punks geworden. Durch die Erfindung des Smartphones haben sie alle Regeln geändert", erklärte der Designer, der noch immer keinen Instagram-Account führt.

"Instagram ist wie ein dritter Job. Ich habe keine Zeit dafür!", ergänzte Demna Gvasalia im Nylon-Trainingsanzug von Manchester United. Ob er ein Fan sei, wollten wir wissen. Er antwortete trocken: "Nun, ich wollte Einheit demonstrieren und uns dazu anregen, zusammenzuhalten. Und ich mag Manchester".
 

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