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Paris: Eine Saison zwischen Assemblage und Authentizität

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
today 21.01.2019
Lesedauer
access_time 6 Minuten
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Die jüngste Menswear-Woche in Paris bot ein außergewöhnlich volles Programm mit zahlreichen Debüt-Kollektionen und vielfältigen Einflüssen – oft auch in den einzelnen Kollektionen.

Modehäuser wie Balmain und Sacai beeindruckten das Publikum mit Entwürfen, in denen die unterschiedlichsten Stilrichtungen zusammenkamen – oft gar in ein und demselben Kleidungsstück. Andere Marken stellten ihre Kollektionen unter das Zeichen einer Rückkehr zur Authentizität, einer gewisse Sehnsucht nach der Natur – so unter anderem die Show von Jacquemus, die ozeanisch inspirierte Show von Jason Basmajian für Cerruti und Kenzos Hommage an die peruanische Kultur.
 

Balmain - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - © PixelFormula


Balmain
 
Kein Modehaus wird so eng mit der Nacht assoziiert wie Balmain. Unter der kreativen Leitung von Olivier Rousteing lässt sich die Marke von dunklem Glamour leiten. Auch die jüngste Menswear-Show bildet keine Ausnahme und bot eine offene, unterhaltsame und fantastische Darbietung rockiger Eleganz.

Olivier Rousteing passt hervorragend zum Luxusmodehaus und die Geschäftsleitung glaubt an sein Talent und unterstützt ihn in seiner Arbeit. Am selben Tag, an dem er seine neuste Kollektion enthüllte, launchte Balmain eine eigene App. Und in dieser Woche kehrt die Marke nach zehnjähriger Abwesenheit wieder an die Haute Couture-Schauen zurück. Über die App können Balmain-Fans die Ateliers des Hauses entdecken. Am Mittwoch organisiert der Kreativdesigner seine Couture-Show im brandneuen Flagship-Store an der angesagtesten Luxus-Einkaufsstraße von Paris, der Rue Saint Honoré, unweit des ultimativen Modehotels Costes. Nur 150 Gäste wurden zur Show eingeladen – da kommt die App wie gerufen.

Was Rousteing zu einem hervorragenden Designer macht – denn das ist er ohne Zweifel – ist seine Fähigkeit, Stile, Verweise und Kulturen in ein kräftiges, wirksames Modestatement zu verwandeln. Er wird nie zu den lautlosen Designern zählen, und dafür können wir ihm dankbar sein – besonders, wenn diese Fähigkeit zu Kollektionen wie der soeben gezeigten führt.

Die Show fand in einer bedrohlich wirkenden Betonhalle statt, in der üblicherweise Tennis gespielt wird. Der Boden wurde mit einem reflektierenden Silberbezug neu eingekleidet. Die Kollektion war eine Hommage an Michael Jackson und enthielt Verweise auf die unterschiedlichsten Stilrichtungen: Militär, Punk, Rock Dandy, Urban Dandy und Rap, ohne je inkohärent zu wirken. Und sie erfüllte eindeutig Rousteings Ziel einer Kollektion, die der "selbstbewussten Stärke der heutigen städtischen Nonkonformisten" entspricht.
 

Sacai - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - © PixelFormula


Sacai
 
"Ich wollte einen Schmelztiegel der Mode", schmunzelte Chitose Abe im Backstage-Bereich ihrer jüngsten Assemblage-Show, die in der gut bewachten Galerie Courbe im Grand Palais enthüllt wurde.

Nur wenige Designer haben das Jahrzehnt starker geprägt als Abe, deren Verflechtung von Schnitten, Stoffen, Epochen und Konzepten ihren Weg in unzählige andere Kollektionen gefunden haben.

In dieser Saison mischte sie selbstsicher weiter. Abe gestaltet ihre Shows um verschiedene Themen herum: Durchsichtigkeit, Grautöne, Hochleistungs-Leggins, Puffer-Jacken, Tierprints, Kunstfelle und Karos, aber auch aufgeschlitzter Tüll, Spitzen, Hahnentritt- mit Fischgrätenmuster und weibliche Tweedstoffe.

Looks für disruptive Dandys und aufrührerische Damen bestimmten die von Kaia Gerber eröffnete Co-ed-Show. Zudem gelang es Chitose Abe, ganze vier Collaborations einzuflechten: Sacai-Brillen von Native Sons, drahtlose Kopfhörer von BeatsX, Turnschuhe und Outerwear von Nike x Sacai und eher bizarre T-Shirts und Kapuzenpullover, die in Zusammenarbeit mit dem legendären Bohemian Café im Londoner Stadtteil Soho, Bar Italia, entstanden.
 
"Als Student ging ich dahin und die bunte Mischung aus Menschen und Persönlichkeiten fühlte sich für mich immer wie Freiheit an", erinnerte sich Abe nach ihrer wahrhaft vorzüglichen Show lächelnd, während sie von einer riesigen Fangruppe umringt wurde.

Kenzo - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - © PixelFormula


Kenzo
 
Eine der besten Shows der Saison war zweifellos diejenige von Kenzo, die auf die peruanische Kultur und das Volk der Tusán anspielte. Auch Humberto Leon, der gemeinsam mit Carol Lim die kreative Führung des Labels inne hat, stammt von den Tusán ab, die peruanische Nachkommen chinesischer Einwanderer sind.

Daraus entstand eine wundervolle Wandmalerei im tiefsten Inneren des Carrousel du Louvre, eine Nachbildung eines Werks von Pablo Amaringo. Der für eurozentrierte Novizen unbekannte Künstler erbrachte ein wahres Meisterwerk.

Das Designer-Duo zeigte eine beeindruckende Kollektion in der Farbe der wilden Fuchsien aus den Anden, aber auch in Rosa- und Indigo-Tönen und mit den für peruanische Wolle typischen Stofftexturen. Stadtbekleidung mit Wandereinschlag – mit Elementen aus wiederverwertetem Raffia und einzigartigen Fleece-Stoffen sowie einer Reihe von Prints, in denen eine von Wolken bedeckte Erde zu sehen ist.

Eine Co-ed-Show, in der Männer khakifarbene ärmellose Parkas und intelligent gewickelte Stadtjacken trugen mit gefütterten Winterjacken in der Farbpalette der Wandmalerei – Zitronengelb, Blutrot, Tiefblau und Coelinblau.

Die Womenswear-Looks enthielten riesige gestreifte Daunenjacken, meisterhaft marmorierte Rockstar-Übermäntel aus Kunstfell mit schneidigen Samtröcken, die ebenfalls eine Anspielung auf Amaringos Kunst darstellten. Ein Sammelsurium der vielfältigen Kulturen der lateinamerikanischen Völker.

"Zu einer Zeit, in der die Migrationsbewegungen und die Verbreitung des kulturübergreifenden Dialogs unser tägliches Leben mehr denn je prägen, erscheint unser Bedürfnis, mit Kenzo persönliche Geschichten zu erzählen, wichtiger denn je", so das Duo im Begleitprogramm.
 

Jacquemus - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - Photo: Jacquemus/ Bruno Staub


Jacquemus
 
Simon Porte Jacquemus taufte seine jüngste Kollektion und das entsprechende Lookbook im Magazin-Stil Le Meunier, in Anspielung an den französischen Schriftsteller, Dramaturgen und Regisseur Marcel Pagnol. Wie auch Jacquemus stammte Pagnol aus der Provence und drehte mit La Belle Meunière eine Operette, die von der Liebe von Franz Schubert für eine wunderschöne Müllerin erzählt.

Zentrales Thema der Show war die Aufrichtigkeit eines Lebens auf dem Lande. Eine Gruppe von Model-Müllerinnen versammelte sich um einen rustikalen Tisch herum, der mit riesigen Käse- und Brotlaiben beladen war.

Jacquemus‘ Müller schlenderten in Jeansjacken und Arbeiterhosen zum Tisch herüber, mit 30 cm hohen Aufschlägen und Kontrastnähten, mehrknöpfigen Windjacken und leicht gefütterten Tuniken. Für die Verabredung mit der schönen Müllerin trugen sie tiefrote und naturfarbene Anzüge mit sich überscheidenden Jacken. Die Farbpalette war von erdigen Tönen geprägt – Rotorange, Sandbraun, Ecru, Leder. Diese passten hervorragend zu einer ganzen Reihe von Gurten, Chaps und Schultertaschen aus Rohleder.

Da die Models sich ihren Weg durch die herumstehenden Gäste bahnen mussten, war es schwierig, die Entwürfe genauer zu betrachten. Es war vielleicht nicht die beste Art, Menswear zu zeigen, doch war allen irgendwie klar, dass Pagnol mit seinen Lieblingsthemen – Familie, Dorfbeziehungen und das Wiederaufblühen des Lebens in der Provinz – diese Kollektion von Jacquemus sehr geschätzt hätte.


Cerruti - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - Photo: Cerruti


Cerruti
 
Eine städtische Erkundungsreise bot das Haus Cerruti, wobei sich der Designer Jason Basmajian an einem Besuch der Ausstellung Oceania in der Londoner Royal Academy inspirieren ließ.

Das Ergebnis war eine seiner kraftvollsten Kollektionen überhaupt, deren Fokus auf hochwertiger Sportswear lag: Gefütterte Parkas mit aufgesetzten Taschen, eine hervorragend zugeschnittene Chesterfield-Jacke mit hochschließendem Kragen, kombiniert mit einer Baumwoll-Weste, Aran-Pullover mit unterbrochenen Mustern und XL-Canvas Trenchcoats im Superhelden-Stil. Dazu kamen grüne Umhang-ähnliche Regenjacken, wie gemacht für den Blade Runner des 21. Jahrhunderts.

Basmajian sandte auch eine Minikollektion mit Womenswear auf den Laufsteg, darunter scharf geschnittene Anzüge, ein paar überraschend dimensionierte Trenchcoats und einwandfrei geschnittene Gehröcke.

Kurz und gut: Eine glaubwürdige, polierte und an vielen Stellen sehr elegante Kollektion, wenn auch nicht wahnsinnig revolutionär. Es ist gut zu sehen, dass das Modehaus des großen Nino Cerruti bei Jason Basmajian in besten Händen ist.


Jil Sander - Herbst/Winter 2019 - Menswear - Paris - © PixelFormula


Jil Sander
 
Ein weiteres Debüt, wenn auch in vertrauter Umgebung, denn die Eheleute Lucie und Luke Meier organisierten bereits ihr erstes Runway-Debüt für die Herrenlinie von Jil Sander in Paris.

Das Paar erwarb in Mailand für seinen Relaunch-Ansatz, in dem Kopf und Herz zusammenfließen, zu recht einen positiven Ruf. Am Freitag versuchte die Marke etwas ganz Ähnliches im Hôtel Salomon de Rothschild, in dem jedes Jahr zahlreiche Schauen organisiert werden.

Bei der Show wurde viel Bewundernswertes gezeigt – von den umfangreichen Wollmänteln zu den präzise geschnittenen himbeerfarbenen Trenchcoats. Doch an zu vielen Stellen schienen die Entwürfe gekünstelt, ja gar etwas manieriert, vom clownesken Lackleder-Pyjama-Anzug bis hin zu den seltsam anmutenden mittelalterlichen Gummistiefeln.

Das kleine Missgeschick, bei dem einem Model ein Mantel von den Schultern rutschte, machte die Sache nicht besser. Nur das reizvolle Finale mit fließenden Seidenumhängen wirkte besänftigend. Doch für jemanden, der alt genug ist, um der Debütkollektion der Gründerin beigewohnt zu haben, wiesen diese Entwürfe nicht dieselbe vorzügliche DNA von Jil Sander auf.

Alles in allem, eine ehrenwerte Kollektion – doch brachte 'ehrenwert' noch niemandem einen Sieg oder Preis ein.
 

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