Realitätsflucht vs. Konservatismus in Mailand

Die neue Saison in Mailand brachte bei vielen Designern einen Trend zur Realitätsflucht zutage. Dieser stand im starken Gegensatz zur Obsession, die DNA der Traditionshäuser zu wahren. Es schien fast so, als wollten die Modeschaffenden die über das Land fegende Nationalismus-Welle und die brutale neue Einwanderungspolitik der italienischen Regierung vergessen.

Globale Nomaden, Zigeuner, eingefleischte Weltenbummler und Partylöwen bevölkerten die Laufstege für die Frühjahr-/Sommerkollektionen 2019. Nur wenige Models auf dem Catwalk sahen so aus, als würden sie auch nur annähernd an die Arbeit denken. Im besten Fall begaben sie sich für einen halben Arbeitstag in ein Coworking-Büro, um danach so schnell wie möglich an die nächste Beachbar zu verschwinden.

Einige wenige Traditionshäuser boten diesem Trend die Stirn und setzten ganz auf Konservatismus.
 
MSGM

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MSGM - Frühjahr/Sommer2019 - Womenswear - Milan - © PixelFormula

Wem das Herz nach Weltflucht stand, war bei MSGM wohlbedient. Die Einladung zur 'Dream' betitelten Show wurde in Form einer Pillendose versandt. Die darin enthaltene winzige blaue und weiße Pille enthielt laut Zauberformel eine Mischung aus Melatonin, Tryptophan und Vitamin B6.

"Melatonin verbessert die Traumwelten", wie das Programm verriet. Die MSGM-Kollektion überzeugte am Freitagmorgen mit Tempo, Partystimmung und wilder Tanzlust. Der Gründer und Designer des Labels, Massimo Giorgetti ist in der Clubbing-Szene Italiens zuhause und stülpte seiner ganzen Kollektion eine klare Club-Ausrichtung über.

Psychedelische Flower-Power-Kleider für die frühen Morgenstunden, dichtbepackte Alpenblumenprints auf Jacken und Leggins, sowie Chiffonkleider mit Seitenschlitzen, kombiniert mit Cowboystiefeln aus transparentem Kunststoff oder mit dem Aufdruck 'Dream' versehen. Fantasiemode für Late Night Clubs.
 
Etro

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Etro - Frühjahr/Sommer2019 - Womenswear - Milan - © PixelFormula

Es gibt zwar nur wenige Städte, in der das Großbürgertum stärker präsent ist als in der Finanz- und Modehauptstadt Italiens – der einzigen Stadt im ganzen Land, in der überhaupt etwas zu funktionieren scheint – doch hatte Mailand schon immer ein Faible für groovige, elegante Hippies.

Und genau das zeigte Etro in der neuen Saison mit seiner Kollektion 'Pacific Zen'. Darin verschmolz kalifornische Surfkultur mit hawaiianischen Einflüssen. Eine fabelhafte Art, das 50. Jubiläum des Modehauses zu feiern. Zu diesem Anlass organisierte Etro auch eine brillante Retrospektive im mailändischen Modemuseum Mudec unter dem Titel 'Paisley Generation'.

Der Designerin Veronica Etro gelang es sogar, etwas mit der Couture-reifen Jeansqualität und den anspruchsvollen Grafiken der japanischen Geschichte in die Ausstellung zu packen. Alles zusammen ergab eine großartige Show, die sich teils zwar etwas unkontrolliert anfühlte, doch insgesamt atemberaubende Bilder bescherte.

Das altbekannte Model Tasha Tilburg, das in dieser Saison ein brillantes Comeback feiert, trug einen blumenbedruckten Seidenanzug mit Schnürbundhose und kontrastierenden Fischgrät-Aufschlägen. Viele Hosen und Baumwollanzüge wurden mit verblüffenden Stepp-Kimonos kombiniert. Andere Outfits verbanden übergroße Patchwork-Abendkleider mit goldenen Jacquard- und japanischen Batikmustern und übersäten beides mit Perlen. Wieder andere trugen Hold-all-Taschen aus den unterschiedlichsten Stoffen und japanischem Denim.

"Die sonnenverwöhnte Lebensfreude der venezianischen Bohème", kommentierte Veronica Etro, die sich an der Seite ihres Vaters Gimmo zu intensivem Applaus verneigte. "Ich saß ganz ruhig im Backstage-Bereich, als sie mich nach vorne zerrte", murrte der offensichtlich sehr stolze Vater.

Salvatore Ferragamo

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Salvatore Ferragamo - Frühjahr/Sommer2019 - Womenswear - Milan - © PixelFormula

Der hochbegabte Schuhdesigner Paul Andrew zeigte in dieser Saison bereits seine zweite Kollektion für Salvatore Ferragamo. Seine Schuhdesigns offenbarten ein breites Können: geformte Absatz-Schlappen, abgeschrägte Plattformsandalen mit Raffia und wunderschöne Flechtlederstiefel.

Die Womenswear wurde ebenfalls von Paul Andrew designt, die Menswear unter der Aufsicht von Guillaume Meilland gefertigt. Andrew zeigte erstaunliche asymmetrische Lederröcke, wahrhaft bewundernswerte Taschentuchkleider und elegante Lammfell-Trenchcoats.

Doch obwohl die Fertigung der Kleidungsentwürfe bewundernswert ausgeführt wurde, fehlte es den gezeigten Outfits an Pfiff. Die Berücksichtigung der DNA des toskanischen Traditionshauses ist eine Sache, sich davon einschränken zu lassen eine andere.

Agnona

Agnona Frühjahr/Sommer2019 - Agnona Instagram

Bei Agnona gab es italienische Mode vom Feinsten zu sehen. Edie Campbell eröffnete die Show in einem langen Trenchcoat, lockeren Shirt und breiten Sepia-Hosen, kombiniert mit klobigen weißen Turnschuhen. Ein Look, der an vielen Frauen schmeichelhaft aussehen dürfte, nicht nur an Models. Und genau das ist auch das Credo der Marke – ungezwungene Eleganz.

Weizenfarbene Kaschmirjacken, auf Links getragene lohfarbene Trenchcoats, knöchellange erdfarbene Strickjacken trugen zu einer entspannten Stilkundgebung bei. Die Farbpalette von Kreativdesigner Simon Holloway war relativ eng gefasst und sorgte mit der schmeichelhaften Silhouette für zahlreiche attraktive Entwürfe.

Dennoch wäre der Kollektion mit einem stärkeren Modestatement gedient gewesen. Zeitlose Eleganz in Ehren, aber zu viel des Guten schafft einen verschlafenen, reizlosen Eindruck.
 

Übersetzt von Aline Bonnefoy

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