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Studie: Niedrigere Mehrwertsteuer kommt kaum bei Verbrauchern an

Von
DPA
Veröffentlicht am
03.07.2020
Lesedauer
4 Minuten
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Die Senkung der Mehrwertsteuer zum 1. Juli von 19 auf 16 Prozent und bei Lebensmitteln von sieben auf fünf Prozent war eine der Maßnahmen, mit der die Große Koalition die Nachfrage anregen und die schwächelnde Wirtschaft stärken wollte. Was Umfragen wie die des Fachmagazins "Ibusiness.de" schon im Juni vermuten ließen, ist nun aber eingetreten: Verbraucher profitieren kaum von der niedrigeren Mehrwertsteuer. Im Vergleich zum Juni sind die Preise für die Mehrheit der Produkte zwar gesunken, im Schnitt aber nur um 1,13 Prozent. Das zeigt eine Studie des Verbraucherforums mydealz.de.

Efe


Die Skepsis war schon im Vorfeld groß. Die Senkung der Mehrwertsteuer, die Angela Merkel als "Kern" bezeichnete und Markus Söder fast unisono zum "Herzstück" des Konjunkturpakets erklärte, löste nur bei wenigen Verbrauchern Vorfreude aus. Die Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) erwartete allenfalls eine "Teil-Entlastung auf der Nachfrageseite" und viele Verbraucher dachten ähnlich: Nur 20 Prozent der 5.002 Deutschen, die das Marktforschungsinstitut Civey für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" befragte, glaubten, die Unternehmen reichten die Senkung der Mehrwertsteuer an die Verbraucher weiter. 64 Prozent der befragten Verbraucher waren sich indes sicher, nicht von der Mehrwertsteuerreform zu profitieren.

Wie richtig sie damit lagen, zeigt nun eine Studie des Verbraucherforums mydealz. mydealz hat Mitte Juni und Anfang Juli händlerübergreifend die durchschnittlichen Marktpreise von insgesamt 1.000 Produkten aus zehn verschiedenen Warengruppen ermittelt. Der direkte Vergleich zeigt: Verbraucher profitieren kaum von der niedrigeren Mehrwertsteuer. Zwar sind 56,01 Prozent der Produkte heute günstiger als noch Mitte Juni. Nur bei 29,76 Prozent der analysierten Produkte ist der Preis jedoch um mehr als 2,5 Prozent gesunken. Jedes vierte Produkt (25,35 Prozent) war bei der zweiten Stichprobe am 1. und 2. Juli sogar teurer als bei der ersten Stichprobe, die mydealz am 9. und 10. Juni durchgeführt hat.

Die Preise sind im Schnitt um 1,1 Prozent gesunken



Eine um drei Prozent niedrigere Mehrwertsteuer bringt für Verbraucher rein rechnerisch einen Preisvorteil von 2,5 Prozent – wenn Händler den Steuervorteil an ihre Kunden weiterreichen. Wie sehr Händler einzelner Warengruppen dieser Bitte der Bundesregierung nachkommen, macht der direkte Vergleich deutlich. Die 1.000 von mydealz für die Stichprobe zufällig ausgewählten Produkte kosteten Mitte Juni durchschnittlich 144,77 Euro. Anfang Juli betrug ihr Preis 143,13 Euro, also 1,13 Prozent (1,63 Euro) weniger. In absoluten wie in relativen Zahlen fällt der Preisvorteil also insgesamt dürftig aus. Nicht für alle Warengruppen aber zeigte sich der gleiche Preistrend.

Am stärksten, nämlich um 3,54 Prozent (6,22 Euro), sind die Preise für Artikel aus der Warengruppe "Haus und Garten" gesunken. Den zweistärksten Preisrückgang stellten die Studienautoren bei Produkten aus dem Lebensmittelbereich fest. Hier sanken die Preise durchschnittlich um 2,65 Prozent (0,39 Euro). Ähnlich stark sind die Preise sonst nur in den Warengruppen "Mode" (2,57 Prozent, 2,43 Euro) und "Drogerie und Gesundheit" (2,14 Prozent, 0,52 Euro) gesunken. Produkte der Warengruppe "Auto und Motorrad" sind nun indes gerade einmal 1,28 Prozent (1,92 Euro) preiswerter als noch Mitte Juni.

Kaum spürbarer Preisrückgang für Produkte aus vier Warengruppen



Produkte aus vier anderen Warengruppen waren bei der zweiten Stichprobe Anfang Juli zwar preiswerter als bei der ersten Stichprobe Mitte Juni. Im Mittel sind ihre Preise aber nur vergleichsweise schwach gesunken. Spiele und Spielzeug etwa waren Anfang Juli nur 0,92 Prozent (0,93 Euro) günstiger als Mitte Juni.

Zeitgleich sind die Preise für Elektronikprodukte durchschnittlich um 0,8 Prozent (3,53 Euro) und die Preise für Tierbedarf um 0,78 Prozent (0,46 Euro) gesunken. Und auch für Artikel aus der Warengruppe "Sport und Outdoor" stellten die Studienautoren nur einen schwachen Preisrückgang fest. Hier sind die Preise um magere 0,71 Prozent oder 2,16 Euro zurückgegangen.

Eltern und ihre Kinder sind angesichts von Schul- und Kitaschließungen ohnehin besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen. Da dürfte es sie wenig trösten, dass die Preise für Artikel wie Babypflegeprodukte, Kinderbekleidung oder Windeln nicht etwa gesunken, sondern gestiegen sind. Am 10. und 11. Juni kosteten die 100 analysierten Produkte aus der Warengruppe "Baby und Kind" im Mittel 82,70 Euro, am 1. und 2. Juli durchschnittlich 84,93 Euro. Trotz der Mehrwertsteuerreform stiegen die Preise also um 2,7 Prozent oder 2,23 Euro. Die Warengruppe "Baby und Kind" war damit die einzige von zehn Warengruppen, deren Produkte sich verteuert haben.

"Versuch der Bundesregierung muss wohl als wenig geglückt gelten"



"Der gutgemeinte Versuch der Bundesregierung, Verbraucher per Gesetz von sinkenden Preisen profitieren zu lassen, muss zumindest für den Moment wohl als wenig geglückt gelten", fasst mydealz-Gründer Fabian Spielberger die Ergebnisse der Stichprobe zusammen. Händlern könne man dies aber nicht zwingend vorwerfen, führt Spielberger aus. "Die Mehrwertsteuer hatte einen Anteil von 19, bei Lebensmitteln sogar nur von sieben Prozent des Bruttopreises", führt Spielberger aus. "Andere Faktoren wie die Produktion, Logistik und natürlich auch das Personal spielen bei der Preisgestaltung eine wesentlich größere Rolle und in diesen Bereichen sind die Kosten teilweise deutlich gestiegen." Auch wenn Händler den Steuervorteil an ihre Kunden weitergäben, könne es sein, dass der Steuervorteil von steigenden Kosten in anderen Bereichen aufgesogen werde.

Hinzu komme, so Spielberger weiter, dass man Preisschwankungen von drei und oft sogar mehr Prozent im Online-Handel regelmäßig beobachten könne. "Um wirklich Einfluss auf den Preis und die Nachfrage zu nehmen, braucht es schon radikalere Mittel als eine nur leichte Steuersenkung. In Mexiko etwa verzichtet der Staat jedes Jahr zum El Buen Fin komplett auf die Mehrwertsteuer und schafft so substantielle Kaufimpulse." Das El Buen Fin dauere aber nur ein Wochenende, nicht ein halbes Jahr, gibt Spielberger zu bedenken.

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